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Evelyn Richter zum Neunzigsten : Die doppelte Verneinerin

Evelyn Richter Bild: Imago

Sie hielt die Rückseite der Utopie mit Bildern fest, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrannten: Evelyn Richter, der großen DDR-Fotografin, zum neunzigsten Geburtstag.

          2 Min.

          Evelyn Richter hat eine klare Vorstellung vom Auftrag der Fotografie. Ein gutes Bild, erklärte sie bei Gelegenheit, müsse ein Sinnbild sein, müsse die Kraft des Erlebnisses enthalten, Emotionen verdichten und Inhalte transportieren. Das klingt augenblicklich überzeugend, und wenn man es so liest, meint man den Tonfall der Lehrerin herauszuhören. Von 1981 bis 1990 hat sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie unterrichtet und damit eine ganze Generation ostdeutscher Fotografen angeleitet. Betrachtet man jedoch ihre Bilder, schwingt noch etwas anderes mit: Trotz. Denn unerwähnt bleibt in ihrer Forderung die Bedeutung einer Ehrlichkeit gegenüber der Welt, die zu schärfster Kritik führen kann. Einfach war das im System der DDR nicht, für ihre Arbeit verglich sie sich denn auch mit einer Partisanin.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Evelyn Richter kam 1930 zur Welt. Der Vater besaß ein Sägewerk in der Lausitz. Um sie vor der Doktrin des Nationalsozialismus zu schützen, schickten die Eltern sie auf eine Schule der pietistischen Herrnhuter Gemeinde. Das mag ihr späteres Arbeitsethos beeinflusst haben, wenn sie vom Künstler Charakter, Arbeit und Disziplin verlangte – Qualitäten, die sie allerdings auch während ihrer Ausbildung im Atelier des prominenten Porträtfotografen Pan Walther bei Dresden erlebt haben dürfte. Dennoch orientierte sie sich in ihrer Bildsprache nie an dessen dramatischer, mitunter heroisierender Ästhetik, sondern folgte dem Stil einer humanistisch geprägten, journalistischen Fotografie, wie sie in der weltweit gezeigten, von Edward Steichen kuratierten Ausstellung „The Family of Man“ vorherrschend war. Evelyn Richter hatte sie 1955 in West-Berlin gesehen.

          Nur zwei Jahre später konnte sie an der Hochschule in Leipzig ihre eigenen Fotografien in der Schau „action fotografie“ präsentieren. Mit Darstellungen der Widersprüchlichkeiten zwischen Anspruch und Alltag der DDR und Porträts von Menschen, deren Blicke wenig zu tun hatten mit der utopischen Vorstellung vom neuen Menschen, sondern eher einen Antitypus darstellten, eckte sie bei offiziellen Stellen an, in Fotografenkreisen hingegen wurde sie regelrecht verehrt. Fortan glich ihr berufliches Leben einem Balanceakt, während dessen sie ihr Land von der Gründung bis zur Auflösung mit scharfem Blick analysierte. Die meisten Aufnahmen entstanden im Eigenauftrag, nicht wenige, wie sie es formuliert, „für die Kiste“.

          Die Revolution entlässt ihre Kinder. Nach einer Veranstaltung in Leipzig, 1976.
          Die Revolution entlässt ihre Kinder. Nach einer Veranstaltung in Leipzig, 1976. : Bild: Evelyn Richter

          Welche davon überdauern sollen, hat sie selbst vor gut zehn Jahren bestimmt: mit einer Auswahl von 730 Bildern, die sie dem Leipziger Museum der bildenden Künste als Vorlass übergeben hat. Das Konvolut blättert sich auf wie das illustrierte Geschichtsbuch eines Staats. Wie ein roter Faden zieht sich dabei eine Spur der Melancholie durch ihr Œuvre. Hier ein Frachtschiff im Nebel, aufgenommen 1972, das nahe der Mauer im Nebel an der Berliner Museumsinsel vorübergleitet; sein Name: Traumland. Dort eine Museumsbesucherin, die abgehärmt und mit trostloser Mimik vor Wolfgang Mattheuers Gemälde „Die Ausgezeichnete“ steht, auf dem wiederum eine alte Frau mit sinnentleertem Blick einen Strauß Tulpen betrachtet. Das macht die Aufnahme gleich zur doppelten Verneinung eines Staatssystems. Zwei Wochen, erzählte Evelyn Richter, sei sie durch die Ausstellung geschlichen, bis sie diese Situation entdeckte. Das spricht für ihr Beharrungsvermögen.

          Den Eindruck, nur mit gehörigem Einsatz Beispiele gefunden zu haben, die der Bildpropaganda der DDR widersprechen, vermitteln ihre Fotografien indes nicht. Mit Arbeiterinnen, die wie gefangen in ihren Maschinen eingekeilt sind, mit erschöpften Arbeitern in der Bahn auf dem Weg nach Hause, mit einsamen Alten in karg eingerichteten Zimmern oder den Teilnehmern einer Propagandaveranstaltung, die auf dem Heimweg ihre Flaggen schlapp über der Schulter tragen, dementiert sie ein ums andere Mal den Traum von der besseren Welt. Heute wird Evelyn Richter neunzig.

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