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Der Fall Ai Weiwei : Er ist komplett verschwunden

  • -Aktualisiert am

Auch eine Woche nach seiner Verschleppung gibt es keine Spur von Ai Weiwei. Von der Regierung wird er als Einzelgänger und Wirtschaftskrimineller abgestempelt. So führt ein abwesender Künstler das Land an den Rand des Sagbaren.

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          Einer der unheimlichsten Aspekte der gegenwärtigen Lage in China ist, wie weitgehend Ai Weiwei seit seiner Festsetzung auch aus den Medien des Landes verschwunden ist. Bis letzten Sonntag war der Künstler trotz seiner regierungskritischen Aktionen in den staatlichen Zeitungen und sogar im Fernsehen des Landes ein beliebter Gegenstand und Gesprächspartner. Sein Kampf um eine Ausweitung der Öffentlichkeit, etwa bei der Aufarbeitung des großen Erdbebens im Jahr 2008, stieß zwar laufend auf offizielle Widerstände, fand aber bis in Parteiorgane hinein beträchtliche, meist wohlwollende Resonanz. Das konnte von reformorientierten Journalisten, Bloggern und sogar Funktionären als Signal verstanden werden. Auch wenn immer klar war, dass sich weniger prominente Intellektuelle nicht die gleichen Freiheiten herausnehmen können wie Ai, ließ sich seine Medienpräsenz als Zeichen einer gewissen Anerkennung der Zivilgesellschaft, eines tolerierten Spielraums kritischen Sprechens und von Liberalisierungspotentialen des Systems selbst interpretieren.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch seit vergangenem Sonntag kommt Ai Weiwei in den Medien allenfalls noch als „Einzelgänger“ vor, der der Wirtschaftskriminalität verdächtig sei und der auch sonst der „roten Linie“ des chinesischen Rechts näher gekommen sei als tunlich. Unverschlüsselte Wortmeldungen zu seinem Verschwinden im chinesischen Mikrobloggerdienst Weibo werden augenblicklich gelöscht, Suchanfragen nach ihm treffen dort auf die Mitteilung: „In Übereinstimmung mit einschlägigen Gesetzen, Regeln und Bestimmungen werden die Suchergebnisse nicht angezeigt.“ Auf der Website des Außenministeriums wurden sogar die ihn betreffenden Fragen der ausländischen Journalisten aus dem Protokoll der Pressekonferenz gestrichen. Auch wenn das Außenministerium erklärte, sein Fall habe „nichts mit Menschenrechten“ zu tun, spricht doch allein dieses Umschwenken der gelenkten Öffentlichkeit eine deutliche Sprache: Offensichtlich sollen die Grenzen des Sagbaren in China gerade neu gezogen werden.

          Sein Publikum geht in die Hunderttausende

          Dennoch machen die Intellektuellen, die sich auch sonst kritisch in der Öffentlichkeit äußern, bisher keinen eingeschüchterten Eindruck. „Das ist kein Goldenes Zeitalter“, schreibt der Pekinger Blogger Wu Yue San Ren, „wenn man, um das Land zu regieren, auf Furcht und Verschwinden-Lassen setzt.“ Die feministische Dokumentarfilmerin und Soziologieprofessorin Ai Xiaoming aus Kanton glaubt gleichwohl nicht, dass eine neue Ära des „roten Terrors“ bevorsteht: „Hinter Ai Weiwei steht ein Publikum, das möglicherweise in die Hunderttausende geht. Die Mehrheit davon ist erst in den Achtzigern und Neunzigern geboren worden. In diesem Publikum befinden sich unzählige Leute, die weiter seine Ideale verwirklichen werden. In diesem Sinn siegt Ai Weiwei auch, wenn er nicht selber erscheint.“ Ai Xiaoming hat, ebenso wie die Pekinger Künstler Gao-Brothers, einen in der englischen Zeitung „Guardian“ veröffentlichten Aufruf zur Freilassung Ai Weiweis unterschrieben.

          Manche, die sich nicht über Twitter äußern (das in China gesperrt, aber über Proxy-Server erreichbar ist), sondern über die zensierten Kanäle der chinesischen Webdienste, haben verschlüsselte Methoden der Mitteilung gefunden. Sie schickten den guten Wunsch „Liebe die Zukunft“ (Ai Weilai) ins Netz, der auf Chinesisch einen ähnlichen Klang und ein ähnliches Aussehen wie der Name des Künstlers hat. Einige fügten noch Kommentare hinzu: „Die Zukunft lieben heißt, sich selbst zu lieben. Füllt die Mikroblogs mit Liebe! Schenkt eure Liebe der Zukunft des Mutterlands!“

          Irritiert über die massiven internationalen Proteste

          Ein besonders bewegendes Videodokument hat Zhao Lianhai ins Netz gestellt, der wegen seines Protests gegen den chinesischen Milchskandal ein Jahr im Gefängnis verbracht hatte. Man sieht ihn in dem Video zusammen mit seinem fünf Jahre alten Sohn, der selber an der melaminverseuchten Milch erkrankt ist. Zhao fordert, Ai Weiwei freizulassen und zu einem gesellschaftlichen Ausgleich zu kommen: „Wenn ein Land nicht mehr die grundlegendsten Standards des Rechts beherzigt, dann leben wir alle in einer Atmosphäre der Angst.“

          Von allen offiziösen Zeitungen hat sich bisher die „Global Times“, eine Tochter des obersten Parteiblatts „Renmin Ribao“, die in voneinander verschiedenen chinesisch- und englischsprachigen Ausgaben erscheint, am ausführlichsten zu dem Fall geäußert. An drei aufeinanderfolgenden Tagen veröffentlichte sie Leitartikel, die sich vor allem ausländische Einmischung in das „chinesische System“ verbaten. Dem war eine gewisse Irritation über die Massivität der internationalen Proteste anzumerken. Einer der Artikel versagte Ai Weiwei überraschenderweise seine Anerkennung nicht: „Aus einer historischen Perspektive braucht die chinesische Gesellschaft Menschen wie Ai. Aber gleichzeitig ist es noch wichtiger, dem herausfordernden Verhalten von Leuten wie ihm restriktiv zu begegnen.“ Pointierter hat man einen Einblick in die paradoxen Winkelzüge des autoritären Denkens selten bekommen.

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