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Bundespräsident zeigt Kunst : Ein bisschen lustig, aber auch sehr traurig

Politik trifft Kunst: Frank-Walter Steinmeier vor Ivan Seals Collagebild „Village Confirms Class over the Resemblance“ von 2015 Bild: dpa

In Schloss Bellevue hat der Bundespräsident den Galeriesaal neu gestalten lassen. Die Ausstellung soll ein Zeichen setzen gegen die allgemeine Depression, aber zunächst ist sie ein Zeichen dessen, was ist.

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          Zuletzt wurde die Galerie im Schloss Bellevue im August 2019 umdekoriert. Damals eröffnete Frank-Walter Steinmeier in dem Saal im Erdgeschoss seines Amtssitzes eine Ausstellung mit fünf Bildern von Malern der späten DDR: keine repräsentative, sondern eine eigensinnige, nicht unumstrittene Auswahl. Fotografen und Journalisten drängten sich um die Gemälde. Eine Szene aus ferner Zeit.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt hat der Bundespräsident den Galeriesaal neu gestalten lassen. Die Eröffnung fand im Internet statt, nur Steinmeier, seine Frau Elke Büdenbender und die Kuratorin Bettina Klein standen vor der Kamera, die acht gezeigten Künstler wurden nacheinander live zugeschaltet. Wir sind im elften Monat der Pandemie, Begegnungen, Besichtigungen, Rundgänge sind in den virtuellen Raum verschoben, Berührungen unerwünscht. Die Ausstellung soll ein Zeichen setzen gegen die allgemeine Depression, aber zunächst ist sie ein Zeichen dessen, was ist.

          Der Künstler sitzt in Berlin, nicht in Paris

          „Das Erscheinen eines jeden in der Menge“ lautet das Motto der Auswahl. Es stammt von Nicolas Born, dem großen, zu früh gestorbenen Dichter der siebziger Jahre, dessen Verse wie ein Echo unserer Lockdown-Tage wirken: „Was ist eine Tatsache wert die unteilbar ist / was ist ein Universum ohne dein Beben / dein Erscheinen vor leeren Sitzreihen?“ Man hätte, der Lage gemäß, surrealistische Nachtphantasien zeigen können, aber Bettina Klein hat Gegenwartskunst ausgesucht, Werke des neuen Jahrtausends.

          Kader Attia, der bekannteste Name unter den Erwählten, hat die Kopie einer Holzmaske der Dogon aus Mali mit Spiegelscherben überzogen; in seiner Erläuterung zu dem Objekt spricht er von Gender, Mythos, Geschichte, Kolonialismus und Reparationen, aber in der Live-Schalte fällt als Erstes die zerschlissene Kopfstütze seines schwarzen Schreibtischsessels ins Auge. Steinmeier schickt ihm Grüße nach Paris, doch Attia korrigiert ihn: Er sitze gerade in Berlin. So nah, so fern.

          Das Bild, das am ehesten zu dem Titel der Ausstellung passt, stammt von Marcus Weber. „Bau (5)“ zeigt Menschen, die an einer Baustelle vorbeigehen, flankiert von gelben Warnleuchten. Das treppenhafte Hochformat ist eine Hommage an Oskar Schlemmer, aber in den taumelnden Kreisen der Lampen kann man auch die Mundform von Munchs „Schrei“ erkennen und in den Frisuren der Passanten das Nachbeben der Pop-Art. Simon Wachsmuth hat Watteaus „Kythera“-Szene zerrissen und neu collagiert, Astrid Klein zeigt ein Augenpaar zu einem Satz aus Sartres „Das Sein und das Nichts“, Judith Hopf malt ein Strichgesicht auf ihre „Erschöpfte Vase“, und Wilhelm Klotzeck und Konrad Mühe erschaffen drei „Einmannbunker“ als Betondrucke, sozusagen Zement auf Zement.

          Die virtuelle Vernissage ist kein bloßes Schaulaufen. Das Politische wird zur Praxis, indem die Hausherren den Künstlern Fragen stellen. Steinmeier bringt den Briten Ivan Seal in Verlegenheit, indem er wissen will, was die Idee hinter Seals Collage „Village Confirms Class over the Resemblance“ gewesen sei: ein Bild der Gesellschaft? Irgendwie schon, antwortet der Künstler, und dann fasst Elke Büdenbender die Stimmung des Kunstwerks bündig zusammen: „ein bisschen lustig, aber auch sehr traurig“. Das könnte man natürlich auch viel gewählter sagen. Aber es liefe aufs Gleiche hinaus.

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