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Konzertsaal in Kronberg : Die Kunst der Glasfuge

Zum Klang wird hier der Raum: Der Kammermusiksaal im Casals Forum lässt sich der Musik anpassen, bei Bedarf können die Wandpaneele so verstellt werden, dass Schall geschluckt oder reflektiert wird. Bild: Marcus Ebener/Kronberg Academy

Heitere Empfindungen im Übergang von der Stadt in den Park: Der Berliner Architekt Volker Staab errichtet der Kronberg Academy ein Gebäudeensemble mit zwei Gesichtern.

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          „Das wird schön, gell?“ Der hochgewachsene ältere Herr in Anzug und Joggingschuhen hat den etwas jüngeren bemerkt, der am Wegesrand stehen geblieben ist, um mit dem Smartphone ein Foto des Neubaus zu machen. Bevor der Angesprochene mehr als ein Ja sagen kann, ist der Herr mit einem freundlichen Lächeln schon in Richtung S-Bahnhof vorbeigeeilt. Solche spontanen Äußerungen von Lokalstolz erlebt man im reichen Taunusstädtchen Kronberg, wo auf vielen Klingelschildern nur Initialen prangen und sich vor allem Hundebesitzer gegenseitig grüßen, nicht alle Tage. Erst recht nicht, wenn es um das Aussehen neuer Gebäude geht.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Doch mit der Kronberg Academy ist es etwas anderes. Die Institution, die hochbegabte Nachwuchsmusiker aus aller Welt fördert, hat in den fast 30 Jahren ihres Bestehens die besten Seiten der Stadt zum Vorschein gebracht. Die Kronberger öffneten ihre Häuser in Gastfreundschaft, wenn die Studenten – zu Beginn waren es ausschließlich Cellisten, inzwischen zählen auch Geiger und Bratschisten dazu – in ihre Stadt kamen. Sie besuchten die Konzerte. Und einige von ihnen haben reichlich gespendet, als es darum ging, für die Akademie einen neuen Sitz zu finanzieren, der ihrem längst herausragenden Rang in der internationalen Musikwelt angemessenen ist. Bund und Land und weitere Mäzene auch aus dem Ausland haben die übrigen Kosten in Höhe von 60 Millionen Euro getragen.

          Die Gunst der Topographie

          Für Kronberger Verhältnisse ging auch die Entscheidung über den Standort und die Architektur ungewöhnlich glatt über die Bühne. Es half, dass Volker Staab 2014 am Wettbewerb teilnahm und ihn auch gewann. Der Berliner Architekt, der bisher vor allem mit Museumsbauten hervorgetreten ist, fand eine beinahe genial zu nennende Lösung für das Grundstück zwischen Viktoriapark und S-Bahnhof, auf dem bis dahin ein Parkdeck gestanden hatte. Staab machte sich die Topographie des abfallenden Geländes zunutze, um erhebliche Teile des beachtlichen Bauvolumens von Kammermusiksaal und Studienzentrum in den Hang hineinzubauen.

          Eröffnungsabend im Casals Forum der Kronberg Academy: Das Chamber Orchestra of Europe spielt im neuen Konzertsaal mit dem Violinsolisten Vadim Gluzman.
          Eröffnungsabend im Casals Forum der Kronberg Academy: Das Chamber Orchestra of Europe spielt im neuen Konzertsaal mit dem Violinsolisten Vadim Gluzman. : Bild: Patricia Truchsess

          Der entscheidende städtebauliche Kniff besteht in der Doppelgesichtigkeit des Ensembles, das den Namen Casals Forum trägt. Nähert man sich ihm hang­aufwärts, vom Bahnhof her, dann zeigt es mit den Eingangsfronten eines ebenfalls von Staab entworfenen, immerhin fünfgeschossigen Hotels und des Konzertsaals seine markante städtische Seite. Wer dagegen vom Viktoriapark kommend zum Forum hinunterläuft, dem erscheint der Konzertsaal wie ein schwebender Pavillon, der mit leichter Hand in die Landschaft hineinkomponiert wurde.

          Mit dieser ganz aus dem Standort entwickelten Entwurfsidee fügt sich Kronberg in das Gesamtwerk Staabs ein, dessen Bauten nicht an einer formelhaften, auf Wiedererkennbarkeit angelegten Architektursprache oder an der Verwendung der immergleichen Materialien zu erkennen sind, sondern nur an der Intelligenz, mit der sie auf den jeweiligen Kontext reagieren. Grob behauene Natursteinwände etwa hat Staab bisher selten verwendet. Hier benutzt er einen markanten, hellgrau-bräunlichen Stein für den Sockel aller drei Gebäude, ein Anklang an Mauern, wie sie einst zur Terrassierung errichtet wurden. Zugleich verleihen sie dem kleinen, wohlproportionierten Platz, den das Häuser-Trio umsteht, eine bodenständig-repräsentative Atmosphäre. Dieser Ort wird sich im Sommer zu einem bevorzugten Treffpunkt der Kronberger entwickeln und nicht auf Belebungsbemühungen der Kommune angewiesen sein wie der erst 2006 neu gestaltete Berliner Platz.

          Gleichberechtigte Akustiker

          Und noch etwas ist für Staabs Stil kennzeichnend: Eine Pointe hat jeder seiner Entwürfe, eine, wenn man so will, kleine Folly, die nicht nur aus der Bauaufgabe heraus zu verstehen ist, sondern vor allem aus dem individuellen Gestaltungswillen des Urhebers. Im Kronberger Fall ist es das große, skulptural geformte Dach des Konzertsaals, mit dem der Architekt dessen ziemlich hoch aufragende Mauern, deren Anblick im Betonrohbau zwischenzeitlich doch für etwas Grummeln in Kronberg gesorgt hatte, zeltartig bemäntelt. Das Dach, das wie so manches andere äußere Detail zur Eröffnung des Forums am Wochenende nicht ganz fertig geworden ist, wird mit gelblichen Schindeln aus eloxiertem Aluminium gedeckt, die nach oben hin heller ausfallen und so für eine Auflösung des Dachs quasi ins Immaterielle sorgen.

          Was die Form des Konzertsaals angeht, dachte der Architekt zunächst an ansteigende „Weinberge“ nach dem Vorbild der Philharmonie und des Kammermusiksaals in Berlin. Diese Reverenz an Hans Scharoun hätte auch mit Blick auf die Topographie der Gesamtanlage gut gepasst. Doch die gemäß Ausschreibung gleichberechtigten Akustiker vom Büro Peutz Consult hatten ganz andere Vorstellungen. Als es auf einen faulen Kompromiss zwischen Architekt und Akustiker hinauslief, griff der Bauherr ein. Raimund Trenkler, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Kronberg Academy, entschied, dass die Entwurfsarbeit noch einmal von vorn begonnen werden müsse.

          Herausgekommen ist ein eleganter und zugleich intimer Konzertsaal für 550 Zuhörer auf zwei Ebenen, dessen vielfach geschwungene Form zumindest in Europa einmalig ist. Seine Akustik kann mithilfe von verstellbaren Paneelen an die Bedürfnisse von Solisten, aber auch Ensembles mit bis zu 65 Musikern angepasst werden. Keine Einwände der Akustiker gab es gegen Staabs Wunsch, Blicke aus dem Saal in die Umgebung zu ermöglichen. Auf Höhe des oberen Foyers, auf Ebene des Viktoriaparks, ist er verglast, für ein Konzerthaus eine ungewöhnliche Entscheidung. Und eine glückliche für all jene, die mit dem Hören gern das Schauen verbinden.

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