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Peter Eisenman 90 : Bauen, wie die Moderne denkt

Er ist groß auch als Theoretiker der Architektur: Peter Eisenman zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals Bild: Getty

Er entwarf das Berliner Holocaust-Mahnmal und Kulturzentren in Ohio und Galicien: Der amerikanische Architekt Peter Eisenman wird neunzig.

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          Sein erstes Bauprojekt entstand im Krieg. Gleich nach dem Architekturstudium in Cornell und New York, das er mit dem Entwurf einer Synagoge abgeschlossen hatte, ging Peter Eisenman nach Korea, wo er als Artilleriekommandant 150 Soldaten befehligte und das Offizierskasino entwarf. Nichts deutete zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass ihm, der 1932 in Newark als Sohn säkularer Juden geboren wurde, eine Karriere als einer der bedeutendsten Architekten und Formtheoretiker des 20. Jahrhunderts bevorstand, der später vor allem durch das „Mahnmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin bekannt wurde.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Dinge änderten sich, als Eisenman den Architekturhistoriker Colin Rowe kennenlernte. Architektur – vor allem die von Schlössern und Kirchen, aber auch die von Villen – war immer auch Ausdruck von Herrschaft und Machtstrukturen, die Elemente der Architektur wie Säulen oder Giebel immer auch symbo­lische Formen. Könnte man sich eine streng formalistische Architektur vorstellen, die vollkommen frei von kulturellem, historischem und politischem Ballast wä­re? Eisenman wollte diese Frage zum Thema seiner Forschung an der Architekturfakultät in Princeton machen, aber die lehnte ab. Deswegen ging der Architekt 1967 nach New York, gründete sein eigenes Institut und begann, sich im vernachlässigten Stadtteil Harlem zu engagieren und die afroamerikanische Community dort zu ermutigen, Fragen der Stadtplanung selbst in die Hand zu nehmen. „Das Harlem Project“, schreibt sein Biograph Jeffrey Kipnis, „war ein atemberaubender Akt der Chuzpe, des intellektuellen Selbstvertrauens und des Mutes“.

          Der Intellektuellste der „New York Five“

          Eisenman forderte die Rückkehr zu den intellektuellen und formalen Anfängen der Moderne und ihren emanzipatorischen Ansprüchen. Zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Cousin Richard Meier und den Kollegen Michael Graves, Charles Gwathmey und John Hejduk wurde er als Teil der „The New York Five“ be­kannt, die wieder am frühen Le Corbusier und an dem Rationalismus von Terragni anknüpfen wollten. Eisenman blieb der Intellektuellste von ihnen. Mehr als andere Diskussionen seiner Zeit prägte ihn Noam Chomskys Theorie der generativen Transformationsgrammatik.

          In seinen ersten Häusern versuchte Eisenman, die „deep structure“, die An­nahme der Präexistenz eines Mechanismus zum Spracherwerb im Allgemeinen bei allen Menschen, auf die Elemente der Architektur zu übertragen und eine „ar­chitektonische Syntax“ zu schaffen: Könnte man so bauen, dass ein Haus jenseits erlernter Bedeutungen les- und be­wohnbar wäre? Diese Häuser waren Denkgebäude, bei denen viele Wände und Pfeiler keine tragende Funktion und auch sonst keine erkennbare Bedeutung hatten; eins war aus Materialien errichtet, aus denen man sonst eher Modelle baut. Sein Bewohner, ein Chomsky-Verehrer, gab es drei Jahre später auf. „House III“ bestand aus ineinandergesteckten, gegeneinander verdrehten Kuben; um sie zu „bewohnen“, musste man sich in den Zwischenräumen einnisten.

          Eisenman interessierte sich sehr für Jacques Derridas Idee der Dekonstruktion – für das Verfahren, Systeme auseinanderzunehmen und ihre Bestandteile in einer weniger hierarchischen Form neu zusammenzusetzen. Das Ergebnis waren in Eisenmans Fall die „Voids“, Leerstellen im Bedeutungsgefüge der Stadt, in denen an­dere kollektive Erfahrungen möglich werden sollen. Sein Berliner Holocaust-Mahnmal, eine kleine, abstrakte Stadt aus hermetischen, in die Tiefe führenden Stelen, ist ebenso Resultat dieses Bemühens wie sein Wexner Center for the Visual Arts in Ohio oder die gebaute Wellenlandschaft seines riesigen Kulturzentrums im spanischen Galicien. Heute wird Peter Eisenman neunzig Jahre alt.

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