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Denkmal von Mies van der Rohe : Das Meisterwerk eines Opportunisten soll rekonstruiert werden

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Das Denkmal für die Toten des Spartakusaufstandes wurde 1926 nach einem Entwurf von Ludwig Mies van der Rohe auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde erbaut, 1935 zerstörten es die Nationalsozialsten. Bild: Picture-Alliance

Ludwig Mies van der Rohe entwarf ein monumentales Denkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin, die Nationalsozialisten rissen es ab. Jetzt machen sich Architekten für seinen Wiederaufbau stark.

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          Ist ein architektonischer Entwurf mit einer Partitur zu vergleichen? Kann ein Gebäude, wenn es einmal zerstört wurde, bei Vorlage des Entwurfs abermals „aufgeführt“ werden wie eine Symphonie? Um diese Frage spinnt sich mindestens seit zwei Jahrzehnten (nicht nur) in der deutschen Hauptstadt eine leidenschaftliche Debatte unter Architekten, Denkmalpflegern und der interessierten Öffentlichkeit. Sie erhält derzeit neues Futter durch Pläne für den Wiederaufbau eines Denkmals, das Ludwig Mies van der Rohe im Auftrag des Kunstsammlers und KPD-Mitglieds Eduard Fuchs entworfen hat und das schon zu seiner Entstehungszeit umstritten war.

          Das Revolutionsdenkmal von 1926 auf dem Friedhof Friedrichsfelde erinnerte an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Zeitung „Die Rote Fahne“ beschrieb damals treffend die „ungeheure Monumentalität der kolossalen Quader, die in unregelmäßiger Weise übereinander getürmt sind“. Im Jahr 1935 wurde es durch die Nationalsozialisten zerstört. Für den Wiederaufbau dieses Denkmals setzt sich der Berliner Architekturhistoriker Carsten Krohn ein. Im Rahmen der Ausstellung „Mies Monumente“, die im Herbst im Mies-van-der-Rohe-Haus im Bezirk Lichtenberg gezeigt werden soll, wird er ein Modell der obersten drei Lagen des Denkmals im Maßstab 1:1 bauen. Unterstützt wird er dabei vom renommierten Architekturbüro Kuehn Malvezzi.

          Wenn in Berlin rekonstruiert werden soll, drängt sich der Vergleich mit dem äußerlichen Teil-Wiederaufbau des Hohenzollern-Schlosses im Zentrum der Stadt auf. Während im Fall des Humboldt-Forums die Kritik am Rückgriff auf die Architekturhistorie bis heute nicht verstummt, ist sie beim Wiederaufbau von Werken der progressiven Moderne deutlich kleinlauter. Es ist nicht nur Voreingenommenheit, die zu dieser Ungleichbehandlung führt. Vielmehr erklärt sie sich auch daraus, dass ein Höhepunkt Mies’scher Baukunst, der Barcelona-Pavillon, seit 1986 als sehr gelungenes Replikat zu besichtigen ist. In Dessau wiederum wurde die berühmte Trinkhalle, die 1932 nach einem Entwurf von Mies entstanden war, im Jahr 2013 neu errichtet. Mit dem rekonstruierten letzten Bauhaus-Werk in Dessau vor der Schließung der Schule hat die Architekturlandschaft in Sachsen-Anhalt ein Juwel zurückerhalten.

          Die Rekonstruktion basiert auf einer präzisen Studie

          Wie sich in Barcelona und Dessau beobachten lässt, steht und fällt ein Wiederaufbau mit den bautechnischen Details und der genauen Kenntnis eines Entwurfs. Im Fall des Denkmals für Luxemburg und Liebknecht fehlen allerdings die Ausführungszeichnungen. Aber anhand der Baueingabe-Unterlagen samt Ansichtszeichnung, einer Modellcollage sowie diverser Fotos hat Krohn eine intelligente Rekonstruktionsplanung ersonnen. Seine präzise Studie zu Steinformaten und Statik des epochalen Klinkerbaus möchte er nun vorab testen. „In der Regel wird geplant, um zu bauen. Hier geht es darum, zu bauen, um einen Plan zu erhalten“, sagt er zu seinem Vorgehen.

          Die Initiative für den Wiederaufbau des Denkmals ist nicht die erste ihrer Art: Schon 1968 demonstrierten Architekturstudenten in Berlin anlässlich der Eröffnung der Neuen Nationalgalerie mit einem Modell für die Rekonstruktion.
          Die Initiative für den Wiederaufbau des Denkmals ist nicht die erste ihrer Art: Schon 1968 demonstrierten Architekturstudenten in Berlin anlässlich der Eröffnung der Neuen Nationalgalerie mit einem Modell für die Rekonstruktion. : Bild: Picture-Alliance

          Das Revolutions-Denkmal war ein wichtiges Werk in Mies’ künstlerischer Karriere und wurde in der legendären Ausstellung im Museum of Modern Art 1947 in New York über die moderne Architektur prominent präsentiert. In seinem Buch „The Monument to the November Revolution in Berlin-Lichtenberg“ zeigte der italienische Experte Andrea Contursi den Plan für eine Rekonstruktion des Denkmals von 1977 mit Ziegeln im Oldenburger Format des Architekten Günter Stahn. Er blieb Papier wie auch weitere Ideen für einen Wiederaufbau.

          Das Mauerwerk besticht durch sein Spiel mit Licht und Schatten

          Der jüngste Anlauf könnte gelingen: Den dunklen Hartbrandklinker für Krohns Nachbau stellt ein Hersteller von Torfbrandklinkern zur Verfügung, und ausgeführt wird das Modell vom Bildungsverein Bautechnik aus Berlin, der schon Teile der Schinkel’schen Bauakademie wieder aufgebaut hatte. Das kleinteilige Ziegelmauerwerk des 5,5 auf 15,3 Meter großen Denkmals ist zugleich als großes Quadermauerwerk lesbar. Seine skulpturale Plastizität wird durch Licht und Schatten erzeugt. Auskragungen der Quader sorgen dafür, dass die Volumina sowohl als monumentale Einzelsteine wie auch als Mauer interpretierbar sind.

          Wirkung und physische Beschaffenheit der Konstruktion sind nicht identisch, sondern kunstvoll getrennt. Ob Stahl und Beton für den ursprünglichen Bau verwendet wurden oder nur eines von beidem, ist nicht restlos geklärt. Bei seinen anderen Ziegelbauwerken wie dem Häusern Esters und Lange in Krefeld und Haus Lemke in Berlin hat Mies um 1930 teils solche kaschierten Tragwerke verwendet.

          Das Fundament des Berliner Denkmals ist noch erhalten, über ihm wurde in der DDR ein „Denkmal für das Denkmal“ errichtet. Es könnte erhalten bleiben, wenn die Rekonstruktion der Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts „U“-förmig konzipiert würde. Die Ausstellung über die Entstehungs- und Zerstörungsgeschichte will „die Voraussetzungen für die Rekonstruktion des Denkmals leisten“.

          Auch die Partei Die Linke ist involviert: Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Lichtenberg Michael Grunst von der Linken und auch der Vermögens-Fonds der ehemaligen SED treten als Förderer des Projekts auf. Es ist nicht architekturhistorischer Idealismus, der sie zu Unterstützern macht, sondern ihre politische Weltsicht. Die unterschiedlichen Motivationen der Projektpartner für den Wiederaufbau bergen Konfliktstoff. Während es den Architekten darum geht, für Berlin ein Meisterwerk der Architektur der Weimarer Republik wiederzugewinnen, geht es den Linksparteipolitikern um die Heldenverehrung zweier Heroen des Kommunismus. Mies van der Rohe wäre es vermutlich einerlei: Er war politisch ein Opportunist und allein an Architektur und ihrer Theorie interessiert.

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