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Preis der Nationalgalerie : Dementoren wandeln unter uns

Im Hamburger Bahnhof stellen sich die Finalisten für den alle zwei Jahre verliehenen Preis der Berliner Nationalgalerie vor. Dabei ist das, was man sieht, oft überzeugender als die Begriffe, mit denen es erklärt wird.

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          Die wahren Haupt- und Staatsaktionen finden im Augenblick offenbar in der Kunst statt. Die im Kongo geborene Norwegerin Sandra Mujinga etwa „verhandelt“ in ihren Arbeiten „Ökonomien von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit“. Dabei nutzt sie „Strategien des ‚Weltenerschaffens’/‚Worldbuilding’“. Die Deutsch-Vietnamesin Sung Tieu kümmert sich derweil um „Vermächtnisse des Kalten Kriegs und seine Folgen für den globalen Kapitalismus“. Ihre Kunst regt an „zum Nachdenken über Verhältnisse von Arbeit und Leben, Individuum und System“, während die des Musikers und Installationskünstlers Lamin Fo­fana „eine aktive und kollektive Praxis des Hörens und nichtlineares Erleben“ auslöst. Geradezu bescheiden wirkt dagegen das Projekt des Künstlerduos Calla Henkel und Max Pitegoff, denn sie setzen sich nur mit „übersehenen Randbereichen städtischer Realität, utopischen Projektionen und der Realität dahinter“ auseinander.

          Stühle und Tische aus Kreuzberg

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Alle fünf Genannten gehören zu den Fi­na­lis­ten des diesjährigen Preises der Berliner Nationalgalerie, und so geraten sie un­weigerlich in die Mühlen des kunsttheoretischen Jargons. Wenn man die Formulierungsakrobatik der Pressemitteilung mit der Ausstellung der vier Nominierten im Hamburger Bahnhof abzugleichen versucht, stellt man allerdings fest, dass von Utopien we­nig, vom Globalkapitalismus fast nichts, von deutscher Realität aber immerhin einiges zu sehen ist. Calla Henkel und Max Pitegoff beispielsweise haben Stühle, Hocker und Tische aus Kreuzberger Kneipen vor einen Monitor ge­stellt. Auf dem Bildschirm läuft ein Trailer zu ihrer Reality-Fernsehserie „Paradise“, die sie in ih­rer eigenen Bar in Kreuzberg gedreht haben. Im Nebenraum sind Fotos von Wasseroberflächen in einem Berliner Klärwerk zu sehen. Vor ihnen hängen Stoffbahnen mit Aufnahmen von Baustellenplanen und halb verdeckten Baugrundstücken.

          Ein Gesamtbild entsteht aus diesen Puzzlestücken nicht, aber doch ein Bilderreservoir, mit dem sich weiterpuzzeln lässt. Wobei die „übersehenen Randbereiche“ jetzt gerade im Mittelpunkt der Enteignungsdebatte stehen, mit der sich Berlin gegen die Gentrifizierung seiner Kieze wehrt.

          Gesichter einer neuen Künstlergeneration: Die fünf Nominierten für den Preis der Nationalgalerie Bilderstrecke
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          Eine andere Form von Realitätsrecherche liegt der Installation „Song for VEB Stern-Radio“ von Sung Tieu zugrunde. Tieu hat Passagierlisten der Sonderflüge, mit denen Vertragsarbeiter aus Vietnam in die DDR gebracht wurden, um dort an den drei Standorten des Kombinats Stern-Radio Rundfunkgeräte zu montieren, mit ei­ner Ton­spur aus Fabrikgeräuschen unterlegt. Das Rauschen und Summen füllt den quadratischen, klinisch weiß gestrichenen Saal, in dessen Mitte eine Art Spiegelkabinett mit einem Schrein aus Tran­sis­torra­di­os aufgebaut ist. Die Geschichte der Vietnamesen, von denen viele in Deutschland blieben und Familien gründeten, verdichtet sich zum Gedenkort. So könnte man viele Geschichten erzählen – wenn man dafür eine ästhetisch so überzeugende Lösung fände wie Sung Tieu.

          Von Klängen wird man auch bei Lamin Fofana eingehüllt. Seine Sound-Installationen, die eine von blauem Licht und ge­rahmten Fotos, die andere von einer Videoprojektion begleitet, sollen immersiv wirken, aber ihr Effekt ist vor allem ein de­ko­ra­ti­ver. Der Sound überwältigt den Raum. Die Filmbilder, Aufnahmen von Bäumen, Flüssen, Tieren, gestürzten Statuen, dienen als Stimmungsverstärker. Das Historische wird zur Halluzination. Jeder trägt in diese Klang-Sauna hinein, was ihm gerade durch den Kopf geht, und kommt unverwandelt wieder heraus. Auch hier ist ein Andenken versteckt, aber nur für Eingeweihte.

          Entthronte und vergeltungssüchtige Götter

          Am wenigsten auf Erklärungen angewiesen ist die Kunst Sandra Mujingas. Ihre aus Gerüsten und Stofffetzen geformten, von Stummelköpfen gekrönten überlebensgroßen Figuren, die sie in zwei länglichen Sälen aufgestellt hat, können auf nachgereichte Begrifflichkeiten verzichten, denn die Energie, die von ihnen ausgeht, überträgt sich unmittelbar auf den Betrachter. Sobald man sie sieht, beginnen sie, sich vor dem inneren Auge zu bewegen, und diese Bewegung, die ihren Formen eingeschrieben ist, definiert den Raum um sie herum. Wie jedes gelungene Kunstwerk sind auch Mujingas postmoderne Riesen vieldeutig, man kann in ihnen, wie es das übrige Werk der Künstlerin nahegelegt, die Ge­spenster und Schatten des Kolonialismus, aber ebenso gut dessen rächende Überwinder sehen, Monster, Naturgeister, entthronte und vergeltungssüchtige Götter, Rowlingsche Dementoren und Freudsche Psychosen. In der diesjährigen Nationalgalerie-Ausstellung sind Sandra Mujingas Skulpturen jedenfalls die ästhetischen Falken unter den Tauben. Am 7. Oktober will die Preisjury ihr Urteil verkünden. Man kann nur hoffen, dass sie sich dabei nicht allein auf Begriffe verlässt.

          Preis der Nationalgalerie. Hamburger Bahnhof, bis 27. Februar 2022. Kein Katalog.

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