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David Bowie : Seine Nahrung war die Kunst

David Bowie stand der Kunst womöglich näher als der Musik. In London werden jetzt rund 400 Exemplare aus seiner persönlichen Sammlung versteigert.

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          David Bowies Nähe zur Kunst ist immer groß gewesen, vielleicht gar größer als seine Affinität zur Musik. „Art was, seriously, the only thing I’d ever wanted to own“, so sagte er das 1998 der „New York Times“, es war ihm sehr ernst mit der Kunst. Dieser Satz steht jetzt auch in einer Pressemitteilung des Auktionshauses Sotheby’s, das für den November die Versteigerung von David Bowies Kunstsammlung in London ankündigt. Oder jedenfalls aller der Objekte, von denen sich seine Familie trennen will.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass dies nun geschieht, gerade ein halbes Jahr nach seinem doch unerwarteten Tod, hat natürlich damit zu tun, dass die Erinnerung an ihn noch so frisch ist, dass Dinge, die ihm gehörten – einmal darf das Wort vielleicht gelten: die von seiner unbestreitbaren Aura affiziert sind – , unglaublich begehrt sein werden. Und sei’s ein Brionvega Radiophonograph, ein italienischer Designer-Plattenspieler aus den Sechzigern. Insgesamt rund 400 Stücke aus seiner privaten Kollektion sollen in drei Veranstaltungen zum Aufruf kommen.

          David Bowie : Persönliche Kunstsammlung enthüllt

          Dass Bowie selbst gezeichnet und gemalt hat und dass ihm dieser Aspekt seiner Künstlerexistenz sehr wichtig war, ist bekannt. So begeisterte er sich in seiner Berliner Zeit für den deutschen Expressionismus. Das Foto auf dem Cover seiner Platte „Heroes“ von 1977 variiert die Pose von Erich Heckels Gemälde „Roquairol“ im Berliner Brücke-Museum; in der Gestik von „Heroes“ hat er ein graphisches Selbstporträt geschaffen.

          Das Figurative war ihm wohl näher

          Nach seinem Besuch bei dem Maler Balthus in dessen Chalet in der Schweiz 1994 veröffentlichte Bowie eines der raren Interviews, die der merkwürdige alte Herr gegeben hat. Zwar bleibt Balthus auch dem englischen Superstar gegenüber eher kryptisch, aber er fragt seinen Gast immerhin nach dessen künstlerischen Interessen. Dass er vom Expressionismus auf die britische Kunst zurückgekommen sei, sagt Bowie. „Die kenne ich nicht“, erklärt Balthus. „Keiner kennt sie“, antwortet Bowie.

          Bilderstrecke

          Tatsächlich beweisen die bereits bekannten Lose der Auktion seine anhaltende Vorliebe: Allein rund 200 Werke von Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts aus seinem Heimatland sind angekündigt, darunter von Henry Moore, Graham Sutherland, Frank Auerbach oder Damien Hirst. Wobei ihm das Figurative wohl näher war. So findet sich auch ein schönes stilles „Interieur (Mrs Mounter) von Harold Gilman aus dem Jahr 1917.

          Von wirklicher Notwendigkeit

          Zu einem typischen Gemälde Frank Auerbachs, dem Porträt seiner Cousine „Head of Gerda Boehm“ von 1965, ist eine Äußerung Bowies überliefert: „My God, yeah! I want to sound like that looks.“ Das irritierende Bild verleihe an einem Tag seiner Angst (er benutzt das Wort „angst“) Gewicht, an einem anderen stütze es das triumphierende Gefühl in ihm, sich als Künstler ausdrücken zu können. Bowie lieh „Head of Gerda Boehm“ 2001 zur großen Auerbach-Retrospektive in die Royal Academy aus. Den schieren Mainstream mied der Ausnahmeartist auch auf diesem Feld.

          Vom 20. Juli bis zum 9. August ist „Bowie/Collector“ bei Sotheby’s in London zu besichtigen, dann auf einer Tournee nach Los Angeles, New York und Hongkong, ehe die Sammlung vom 1.November an noch einmal in London gezeigt wird; die Auktionen finden dann am 10. und 11. November statt. Die Schätzungen – am höchsten ist bisher eines der Bilder Jean-Michel Basquiats von 1984 taxiert, mit 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund – werden von den Zuschlägen deutlich übertroffen werden. Einem Künstler seiner Klasse ist zu glauben, dass ihm die Dinge, mit denen er sich umgab, von wirklicher Notwendigkeit waren. „Art has always been for me a stable nourishment“, hat er 1998 auch gesagt, eine unentbehrliche Nahrung.

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