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Homosexuelle in NS-Zeit : Unterstellung boshafter Triebe

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Überwachen und Strafen: Die Klassifikation im KZ Bild: Mémorial de la Shoah Paris

Das Pariser Mémorial de la Shoah widmet sich der Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus. Eine bittere Erkenntnis der Schau: Anerkannt wurde das von ihnen erlittene Unrecht offiziell erst im Jahr 2002.

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          Das Pariser Mémorial de la Shoah ist die größte Gedenk-, Forschungs- und Vermittlungsstätte ihrer Art diesseits des Atlantiks. Bestrebt, den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas in einen möglichst breiten Kontext zu stellen, hat sich die gemeinnützige Stiftung schon mit anderen Genoziden des zwanzigsten Jahrhunderts befasst – etwa mit jenem an den armenischen Bürgern des Osmanischen Reichs oder dem an den ruandischen Tutsis. Und auch die derzeitige Wechselausstellung gilt einer weiteren, noch wenig beachteten Kategorie von Opfern des NS-Rassenreinheitswahns. Visuell unspektakulär, begnügt sich „Homosexuels et lesbiennes dans l’Europe nazie“ mit einem einzigen Saal. Doch mischt die Schau Erklärendes und Illustrierendes, Texttafeln und Exponate diverser Natur (Fotos, Briefe, Chansons, Filmausschnitte, amtliche Schreiben, Gesetzestexte) derart durchdacht, dass sie ein zugleich vollständiges, nuanciertes und überschaubares Bild entwirft.

          Der Zeitrahmen geht dabei weit über den des „Tausendjährigen Reichs“ hinaus. Erstes Ausstellungsstück ist ein Exemplar des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich von 1871, in dem der berühmt-berüchtigte Paragraph 175 die „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe stellt. Für die Abschaffung dieser Bestimmung plädierten in der liberalen Weimarer Republik Stimmen, die sich auf damals neue Theorien bezüglich der Homosexualität stützten. Eine erste Ansicht argumentierte mit Richard von Krafft-Ebing, dem Autor der einflussreichen Studie „Psychopathia sexualis“, die gleichgeschlechtliche Neigung sei als „krankhafte“ Devianz nicht zu bestrafen. Eine zweite redete einer „altgriechisch“-elitären Vorstellung von Homosexualität das Wort – eine männerbündlerisch-virile Sichtweise, die auch in der NS-Bewegung bis zum Röhm-Putsch 1934 Anhänger fand. Eine letzte betrachtete Schwule und Lesben als „drittes Geschlecht“ – Magnus von Hirschfeld war der Hauptpropagator dieser These.

          Der Weg zur Ermordung vieler Homosexueller durch die Nationalsozialisten führte wie bei anderen ihrer Opfergruppen über die Stationen Ausgrenzung und Entrechtung. Zuerst wurden unter dem Vorwand der Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit Gaststätten und andere Treffpunkte geschlossen, einschlägige Zeitschriften- und Buchverlage in den Konkurs getrieben. Hier wartet die Schau, ebenso lakonisch wie aussagekräftig, mit fesselndem Bildmaterial auf: Aufnahmen der schrill herausgeputzten Fassaden des Schwulenklubs „Eldorado“ von 1932 – und desselben Eckgebäudes ein Jahr später: nach seiner Verwandlung in ein Parteiquartier mit Hakenkreuz­panelen verschalt.

          Klaus Mann (1906-1949) und seine Schwester Erika (1905-1969).
          Klaus Mann (1906-1949) und seine Schwester Erika (1905-1969). : Bild: Monacensia im Hildebrandhaus/Literturarchiv

          1935 wurden dann Hunderte von Homosexuellen in „Schutzhaft“ genommen, 325 von ihnen kamen ins berüchtigte KZ Lichtenburg. Eine drastische Verschärfung der Bestimmungen des Paragraphen 175 bestrafte da schon das bloße Aneinanderschmiegen nackter Männerkörper. Zudem führte die entsprechende Strafgesetznovelle einen sogenannten Analogieparagraphen ein, gemäß dem jede Tat strafbar sei, die „nach dem gesunden Volksempfinden“ Bestrafung verdiene. Ein Zusatz öffnete der Willkür Tür und Tor: „Findet auf die Tat kein bestimmtes Strafgesetz unmittelbar Anwendung, so wird die Tat nach dem Gesetz bestraft, dessen Grundgedanke auf sie am besten zutrifft.“

          Ein kleines Manko der Schau – ihr einziges – ist, dass sie nicht explizit genug herausarbeitet, warum genau die Nazis Homosexuelle hassten. Publikationen wie Günter Graus kommentierte Dokumentensammlung „Homosexualität in der NS-Zeit“ sind hier beredter. Neben dem geburtenpolitischen Argument („Schwule zeugen keine Kinder“) wurden auch „rassenhygienische“ Gründe ins Feld geführt: Homosexuelle trügen „alle boshaften Triebe der Judenseele“, hieß es; sie bildeten den „Prototyp des Asozialen“, neigten zugleich aber zu Klüngelei und folglich zum Komplottieren – logische Widersprüche bereiteten den NS-Ideologen keine Kopfschmerzen.

          Woher kam der Hass der Nationalsozialisten?

          Immerhin zitiert die Ausstellung eine Rede Heinrich Himmlers, des verbissensten Schwulenhassers im NS-Apparat, der 1936 eine „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ schuf. Vor SS-Gruppenführern legte deren Reichsführer 1937 die Richt­linien für den Umgang mit schwulen Mitgliedern der Organisation fest: öffent­liche Degradierung, Verurteilung durch ein Gericht, nach Abbüßen der Gefängnisstrafe Einweisung in ein KZ, dort Erschießung „auf der Flucht“. „Gesundung blutlicher Art“ hieß das im Munde des späteren Organisators der „Endlösung“.

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