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Moebius-Ausstellung in Brühl : Diese tiefvertraute Phantastik

Die Bildsprache der modernen Science-Fiction verdankt seinen Wüsten und Figuren unendlich viel: Das Max Ernst Museum Brühl zeigt das Werk des französischen Zeichners Moebius.

          3 Min.

          Es gibt zwei Comicschaffende, die zu den größten Zeichnern unserer Zeit zählen. Der eine ist der Amerikaner Robert Crumb, der andere der Franzose Jean Giraud, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Moebius. Wer das Glück hatte, mit beiden etwas Zeit zu verbringen, der weiß, dass Crumb in der Lage ist, jederzeit brillant zu zeichnen, es aber nicht dauernd tut. Während Moebius gar nicht anders als zeichnend vorstellbar war. Als er 2012 starb, hinterließ er ein Werk, dessen Umfang im zwanzigsten Jahrhundert wohl nur von Picasso übertroffen worden ist. Bis heute ist seine Familie mit der Sichtung der unpublizierten Arbeiten beschäftigt, was zusätzlich dadurch erschwert wird, dass Moebius in seinen letzten Jahren den Computer als Werkzeug entdeckt hatte, was dazu führte, dass in zahllosen leider meist unsortierten Dateien, die mittlerweile zudem vom gerätetechnischen Verfall bedroht sind, noch Abertausende von Zeichnungen ruhen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist auch die Erklärung dafür, warum ein nicht ganz kleiner Teil der großen Moebius-Ausstellung, die das Max Ernst Museum in Brühl nun eröffnet hat, mit Ausdrucken bestritten wird, hier sehr sprachkreativ als „Digigraphien“ bezeichnet. Die Erben, denen sich die meisten Leihgaben verdanken, sind natürlich interessiert daran, auf diese Weise den Künstler für sich kommerziell lebendig zu halten. Dieses schaffensverlängernde Verfahren wird aber auch Moebius selbst gerecht, denn der war fasziniert vom Thema der Metamorphose, weshalb ein Werk für ihn nie beendet war: Zeitweise war er geradezu legendär für die Vielzahl von Comicserien, die auf ihre Fortsetzungen warteten – vom Abschluss ganz zu schweigen. Bei den Illustrationen war es nicht anders: Er variierte ständig seine Lieblingsmotive, ließ Schwarzweißzeichnungen neu kolorieren (leider oft von Helfern, die nicht über das ihm eigene Genie für Farbe verfügten), vergrößerte winzige Handzeichnungen zu riesigen Bildern und stellte ganze Werkgruppen aus Arbeiten neu zusammen, deren Entstehungszeitraum bis zu einem halben Jahrhundert umfasste.

          All das führt die Ausstellung in Brühl exemplarisch vor, steigert es sogar noch einmal, indem sie einzelne berühmte Bilder bis auf Wandgröße bringt (Moebius’ letztes Werk war ein Entwurf für ein dann erst postum ausgeführtes Fassadengemälde in seinem Wohnort Montrouge) und diese über eine App als Augmented Reality sogar in Bewegung zu setzen versteht – wieder Metamorphose. Man kann zuversichtlich behaupten, dass Moebius seine Freude an dieser Schau gehabt hätte.

          Die neben hohem Unterhaltungswert auch Akzente setzt, die für Menschen mit popkulturellem Interesse einiges an Überraschung bieten dürften. Nicht nur durch die Tatsache, dass Moebius 1998 ein Portfolio mit großformatigen Zeichnungen zu Ehren von Jimi Hendrix publiziert hat, deren Qualität noch deutlicher wird, wenn man die hier den farbigen Serigraphien gegenübergestellten schwarzweißen Originale sieht, deren Präzision bestechend ist. Auch nicht nur durch das stete Vexierspiel der beiden Zeichnerexistenzen des Künstlers – unter seinem bürgerlichen Namen erstellte Moebius die berühmte europäische Westerncomicserie „Blueberry“ (hier nur mit einem einzigen Beispiel vertreten), deren Ästhetik ohne die Werke von Filmemachern wie Sergio Leone oder Sergio Corbucci undenkbar wäre. Nein, so begierig der fanatische Cineast Jean Giraud diese Anregungen auch aufnahm, so originell und zugleich stilprägend waren die Bilder- und Gedankenwelten, die er als Moebius schuf. Man nehme nur eine Folge von 23 Zeichnungen, die er 1974 für den Band „Le Bandard Fou“ angefertigt hat und die in Brühl am Beginn der Ausstellung hängen: Da wird in einer albtraumartigen Sequenz, die schließlich ins für Moebius typische Motiv der Neuerschaffung mündet, die Selbstverzehrung eines Mannes durch seine zum amorphen Monster mutierte Hand dargestellt, und wer darin nicht das Vorbild für HR Gigers wenig später entworfenen Lebenszyklus des Monsters aus dem Science-Fiction-Kinoklassiker „Alien“ erkennt, der hat diesen Film nie gesehen. Die Bildsprache der modernen Science-Fiction verdankt den Wüsten und Figuren von Moebius unendlich viel – in Brühl glaubt man sich ständig in „Star Wars“-Szenerien versetzt, nur dass die in den Comics des Franzosen schon auftauchten, als George Lucas gerade seine Produktion vorbereitete. Wir bewegen uns bei aller Phantastik in einer tiefvertrauten Welt.

          Der Metamorphotiker Moebius kannte keine bleibende Statt; mit seinen Bildern suchte er eine zukünftige, imaginäre, auch idealisierte, in der Liebe und Tod versöhnt sind. Dass Moebius mystische Anwandlungen hatte, zwischenzeitlich in den Bann einer Ufo-Sekte geriet, durch eine angebliche Wunderdiät seine Zähne einbüßte – all das spielt in Brühl keine Rolle. Hier wird der grafische Visionär gefeiert: Und in der Tat: Wir hatten keinen größeren.

          Moebius. Im Max Ernst Museum Brühl, bis zum 16. Februar 2020. Der opulente Katalog, in dem die Digigraphie besser zu ihrem Recht kommt als auf den Museumswänden, kostet 49,90 Euro.

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