https://www.faz.net/-gqz-adxqo

Maler Jean-Antoine Watteau : Meister der atmenden Seifenblasen

  • -Aktualisiert am

„Die italienische Schauspielertruppe“ (ca.1715) Bild: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Seine Gestalten haben etwas Geisterhaftes. Galante Spiele mit reinen Oberflächen waren sein Markenzeichen. Die Werke von Jean-Antoine Watteau sind auch 300 Jahre nach seinem Tod rätselhaft und faszinierend.

          3 Min.

          Vor drei Jahrhunderten, am 18. Juli 1721, starb Jean-Antoine Watteau an den Folgen einer hartnäckigen Tuberkulose. Er war noch nicht einmal siebenunddreißig Jahre alt. Sein kurzes, trauriges Leben begann in Nordfrankreich, wo er 1684 als Sohn eines Dachdeckers geboren wurde. Über seine Ausbildung ist nicht viel bekannt, und eigenhändige Werke sind erst nach 1702 identifizierbar. In diesem Jahr ging der Maler nach Paris, wo er dann mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tod bei wechselnden Bekannten zur Untermiete lebte.

          Merkwürdig ist, dass Watteau einerseits gern Soldaten malte, die während der Kriege, die Ludwig XIV. gegen Ende seiner Herrschaft führte, von einem Schlachtfeld zum nächsten zogen, andererseits aber auch Schauspielerinnen und Schauspieler der Comédie-Française und der italienischen Commedia dell’Arte. Schauspieler und Soldaten gleichen sich darin, dass beide strenge Vorschriften befolgen und fortwährend in neuem Terrain Erfolg haben sollen. Eine Gegenüberstellung dieser beiden Gruppen ergibt aber auch eine Metapher für das Leben in der absolutistischen Monarchie. Der großen Mehrheit von gehorsamen Befehlsempfängern steht darin eine kleine Elite von Privilegierten gegenüber, die ihr Leben als ein fortwährendes Theaterstück inszenieren.

          Als wären sie in einem imaginären Käfig gefangen

          Watteaus Genie bestand darin, die theatralische Welt der Herrschenden zu schildern, ohne selbst theatralisch zu werden. Das geschah in Bildern, für die bei seiner Aufnahme in die Königliche Kunstakademie eine ganz neue Kategorie erfunden wurde, in den sogenannten fêtes galantes. Ein typisches Beispiel dieser Gattung ist im Louvre unter dem Titel „Assemblée dans un parc“ zu sehen.

          Im Vordergrund werden wir von einem Herrn und einer Dame in eleganter Kleidung, die als Rückenfiguren dargestellt sind, ermuntert, ihnen in den Bildraum zu folgen. Dazu eignet sich diese Stelle ganz besonders, denn hier geht unser Blick über einen Teich und das jenseitige Ufer durch eine Lücke zwischen den Bäumen bis zum Horizont und zu einem Stück des Himmels, das einen ähnlichen Umriss hat wie die Frau im Vordergrund. So entsteht eine senkrechte lichterfüllte Spalte, die das Bild in einen quadratischen Teil zur Rechten und ein schmales Rechteck zur Linken aufteilt.

          Dansez, embrassez qui vous voulez von Antoine Watteau.
          Dansez, embrassez qui vous voulez von Antoine Watteau. : Bild: Thierry Le Mage / RMN-GP

          Während man links nur einen absterbenden Baumstamm sieht, versammelt der Maler rechts in einem schmalen, durch dichtes Laubwerk begrenzten Raum insgesamt neun Personen. Ein Mädchen steht, abermals als Rückenfigur, am Teich, zwei weitere Mädchen lagern neben einem Mann im Gras, zwei Frauen hantieren mit ihren Liebesbriefen, eine Dame wehrt sich kokett gegen die Zudringlichkeit eines Kavaliers, und ganz rechts spielt ein Mann auf seiner Flöte. Die Köpfe von vieren dieser Personen bilden eine waagerechte Linie, so als wären alle in einem imaginären Käfig gefangen. Über ihnen erheben sich hohe Bäume, bei denen weder Stämme noch Äste und Zweige deutlich zu erkennen sind. Sie erinnern an Ballen aus Zuckerwatte oder ähnlichen Substanzen, die ohne innere Struktur jederzeit in sich zusammensinken könnten.

          Stets etwas Geisterhaftes und Unwirkliches

          Unter dem Dunkel der Bäume werden die festlichen Roben der Menschen durch ein grelles, flackerndes Licht erhellt, das von Fackeln oder Blitzen stammen könnte. Und wenn man dann nach der Quelle dieses Lichtes sucht, ist das Ergebnis ebenso klar wie verblüffend: Es fällt von außen – also von uns aus – in das Bild hinein. Dabei sieht man von den Kleidern meistens nur noch die hellen Reflektionen, nicht aber den textilen Stoff. Dadurch verlieren auch die abgebildeten Personen ihre materielle Festigkeit, sie bestehen, wie Seifenblasen, nur noch aus einer schimmernden Außenhaut.

          Dies darf man als ein Symptom des Umstandes werten, dass die reale Person in der Welt des galanten Müßiggangs ohnehin belanglos ist. Was zählt, ist allein ihre Rolle, und diese Rolle wird durch eine hochdifferenzierte Theatralik bestimmt. Die Tage der verträumten Damen und ihrer melancholischen Liebhaber vergingen, wie Niklas Luhmann feststellte, mit „periodischem Seufzen und Niederknien“. Die gesamte soziale Interaktion beruhte auf einem Repertoire von Posen und pantomimischen Akten, die uns heute äußerst affektiert, ornamental und gekünstelt vorkommen.

          Das hat wohl auch Watteau schon so gesehen. Deshalb haben seine Gestalten stets etwas Geisterhaftes und Unwirkliches, so als gäbe es kein Fleisch und kein Blut unter den glitzernden Roben und den geschminkten Gesichtern. Sein Farbauftrag ist meistens dünn und skizzenhaft, und alle Dinge formen sich aus transparenten Pinselstrichen, hinter denen man das Nichts ahnt. Das liegt nicht nur daran, dass er ein Hochgeschwindigkeitsmaler war. Offenbar hat er seine Figuren ganz bewusst als fragile Erscheinungen angelegt, ohne innere Substanz, nur auf äußere Effekte bedacht. Gegen eine solche Beschönigung des bloßen Scheins propagierte das aufsteigende Bürgertum andere Ideale: die Rechtschaffenheit, Zurechnungsfähigkeit und Charakterfestigkeit von Menschen, die sich nicht verstellen. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig. In den sogenannten sozialen Medien, bei TikTok und Instagram, dürfen sich heute auch die breiten Massen im galanten Spiel mit der verführerischen Erscheinung üben, das Watteau zu seiner Zeit so trefflich wiedergeben konnte, gerade weil er selbst nicht daran teil hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Von 2005 bis 2021 : Merkel, die Kanzlerin der Krisen

          Von der Finanz- über die Klima- bis zur Corona-Krise: Die Leistungen eines Kanzlers zeigen sich in den Krisen, die er zu bewältigen hatte. Das hat Angela Merkel einmal gesagt. Daran muss sich die scheidende Regierungschefin messen lassen. Eine Bilanz.
          Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Tino Chrupalla im August in Schwerin.

          Machtkampf in der AfD : Geht Weidel, kommt Höcke?

          Um die AfD war es im Wahlkampf ziemlich still. Der Machtkampf in der Partei ist ausgesetzt. Welche Richtung sie nimmt, entscheidet sich kurz nach der Bundestagswahl.
          Der Umbau der Türme am Kaiserlei ist schon im Gange.

          Masterplan für die Stadt : Offenbacher Planwirtschaft

          Arm, hässlich, gefährlich – mit diesem Image kämpft Offenbach seit Jahrzehnten. Mithilfe eines Masterplans soll sich das endlich ändern. Eine Radtour durch die Stadt zeigt, was bislang daraus geworden ist.
          Eine Projektionsfigur: Saskia Esken

          Der Fall Saskia Esken : Was diese Frau so alles betreibt

          Wenn sie nicht im Fernsehen redet, versteckt sie sich. Wenn sie redet, verstellt sie sich. Saskia Esken dient ihren Gegnern im Wahlkampf als Unperson, die für jede Projektion gut ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.