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Schad-Museum Aschaffenburg : Wieso verschlug es den Künstler-Dandy gerade hierher?

Mittelscheitel, Nasenrücken, Adler auf dem Kleid - alles exakt in der Mittelachse, und dennoch verströmt das Bild ein große Kraft: Christian Schads „Mexikanerin“ von 1930, die in diesem Jahr ihren in Berlin studierenden Bruder besuchte. Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Stefan Stark

Neusachlich esoterisch: Nach 21 Jahren Vorlauf öffnet heute in Aschaffenburg auf 650 Quadratmetern das Museum für Christian Schad, der im Malen Gegensätze versöhnte.

          5 Min.

          Während Ernst Ludwig Kirchner gebürtiger Aschaffenburger ist, was kaum jemand weiß, wurde Christian Schad, den viele eng mit der Stadt verbinden, weil er hier fast vierzig Jahre lebte, in Miesbach bei München geboren. Als einziger Sohn einer großbürgerlichen Familie, wie Thomas Schauerte, Direktor der Aschaffenburger Museen, nicht ohne Hintersinn bei der Eröffnung des neuen Museums für den Maler und Schadographen betonte.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Des Künstlers neusachliche Roaring-Berlin-Ikonen wie die Porträts seiner Geliebten Maika oder sein frivoles „Selbstbildnis mit Modell“ aus den Zwanzigerjahren hängen in den großen Museen der Welt und sind hinlänglich bekannt. Über die Jahre davor und vor allem über die sechs noch folgenden Jahrzehnten bis zu seinem Tod im Jahr 1982 weiß man nur wenig. Wie es den weltläufigen Künstler-Dandy überhaupt nach Aschaffenburg verschlug? Wenig überraschend über Geld. Sein Berliner Atelier wurde 1943 ausgebombt, der seine engelsgleichen neusachlichen Frauenbildnisse von Titelblättern kennende Oberbürgermeister Aschaffenburgs machte ihm ein Angebot, dass er nicht ausschlagen konnte: Er solle ihr 1806 in der Säkularisierung der Stadt abhanden gekommenes Hauptwerk, Matthias Grünewalds „Stuppacher Madonna“, für die Maria-Schnee-Kapelle getreulich kopieren und dafür die sensationelle Summe von zwölftausend Reichsmark erhalten. Ausgezahlt wurde das Geld in monatlichen Tranchen vor Ort, wodurch das Stadtoberhaupt den durchaus berühmten Maler längerfristig an die Stadt band. Und der blieb, vierzig Jahre im unweit gelegenen Weiler Keilberg. Insofern ist es ein Schicksalswink zurück zu diesem Auftrag einer Madonnenkopie, dass Schads Museum heute direkt an die Aschaffenburger Jesuitenkirche angrenzt. Das Museum im Spätrenaissancebau des Jesuitenkollegs von 1621 ändert die Kenntnisse über den Künstler grundlegend, beherbergt es doch den gesamten, im Jahr 2000 von seiner Witwe Bettina der Stadt übergebenen Nachlass eindrucksvoller 2300 Werke, darunter die spektakulären originalen „Belichtungsobjekte“ seiner späten Schadographien, die per Zufall abstrakt zusammengewürfelten Objekte auf Fotopapier. Die Bibliothek des esoterischen Künstlers mit über tausend Bänden inbegriffen.

          Das Eigenleben der Dinge: Eine der späten Schadographien (“Nr. 30“) aus dem Jahr 1960, zu denen im Aschaffenburger Schad-Museum die originalen Objekte erhalten sind, die der Künstler sich auf dem Fotopapier selbst belichten ließ. Bilderstrecke
          Schad-Museum Aschaffenburg : Neusachlich-neoromantisches vom Stil-Chamäleon

          Frei zu malen, was er wollte

          Die abgesicherte Herkunft (die Mutter entstammte einer Münchner Brauereidynastie, der Vater war Notar) hatte im Fall Schads direkte Auswirkungen auf die Kunst, denn bis Mitte vierzig wurde der 1894 geborene von seinem Vater großzügig apanagiert; das erlaubte ungewöhnliche Experimente wie eben die Schadographien, gleichsam divine Belichtungs-Collagen von denen das Museum die besonders magisch wie ein dunkler Kristall strahlende „Nr. 11“ von 1919 besitzt, und malerische Freiheiten, die bei Verkaufsabhängigkeit seiner Werke kaum möglich gewesen wären. Zugespitzt darf man sagen, Schad hätte ohne den sicheren finanziellen Hintergrund der Familie im Rücken Anfang der Zwanziger die als neuer Stil risikobehaftete Neue Sachlichkeit nicht erfunden (der Verdienst gehört tatsächlich ihm, denn die ebenfalls neusachlich malenden Otto Dix und George Grosz waren ihrem Verständnis nach eher Veristen und malten daneben auch stilistisch deutlich andere Bilder).

          Ein anderes Beispiel ist der Kubismus, den Schad 1916 in seinem relativ großformatigen Gemälde „Sebastian“ für die deutsche Malerei vorexerziert. Inmitten des Ersten Weltkriegs, dem er sich durch ein gefälschtes Attest und luxuriöses Exil in der Schweiz entzog, greift er die damals bei vielen Künstlern im Feld beliebte Stellvertreterfigur jenes Märtyrers auf, der selbst römischer Soldat war. Schads in vielen Schwarz-Weiß-Grautönen zersplitterter und an einem nur zu erahnenden Baum gebundener Sebastian aber wird nicht von Pfeilen durchbohrt, sondern die Splitter seines Körpers – mithin seines Selbsts – das anders als seine Alterskohortler eben keinen Kriegsdienst leistete, setzen ihm zu. Obendrein trägt der Märtyrer die Züge des Malers – ein Schelm, der Böses über diese Stilisierung des Dissidenten denkt. Es bleibt das Phänomen eines erstaunlich frühen Kubismus. Entweder war Schad gut über die zeitgleichen Figurzersplitterungen von Picasso und Braque in Paris informiert, oder er fand die Form allein durch das Horchen in sich hinein. Dass auch kein anderer auf die Schadographie-Idee kam, spricht für autochthones Finden.

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