https://www.faz.net/-gqz-abuoo

Hito-Steyerl-Schau in Paris : Frenetischer Tanz der Avatare

  • -Aktualisiert am

Misstrauen scheint angebracht, wenn der Algorithmus vorhersagen will, wie wir aussehen werden: Filmstill aus Hito Steyerls „This is the Future“, 2019 Bild: Centre Pompidou

„Hell Yeah We Fuck Die“: Das Centre Pompidou in Paris zeigt die bislang größte Überblicksschau zum Werk der deutschen Medienkünstlerin Hito Steyerl. Wortwörtlich gibt es einiges zu erleben.

          5 Min.

          Der herausfordernde Ausruf „I will survive“ im Titel von Hito Steyerls jüngster Ausstellung klingt, in Zeiten der nicht enden wollenden Pandemie, wie eine Beschwörung. Man muss die Arbeit der deutschen Filmemacherin, Autorin und Medienkünstlerin nicht kennen, um zu ahnen, dass eine Portion Ironie dahintersteckt. Beim Betreten des ersten Ausstellungsraums wird der Besucher auch sogleich mit den Worten einer absurd erscheinenden Antithese konfrontiert: „Hell Yeah We Fuck Die“ heißt die Multimedia-Installation von 2016, mit der die Schau beginnt. Es sind laut einer algorithmischen Untersuchung die fünf am häufigsten verwendeten Wörter in englischsprachigen Songs. Indirekt drücken sie womöglich unterschwellige Ängste einer unsicher gewordenen Gesellschaft aus. Sie sind als Blöcke aus Leuchtbuchstaben im Raum verteilt, man kann sich auch darauf setzen, um, in einen hämmernden Technosound gehüllt, Filme auf verschiedenen Monitoren anzuschauen. Steyerls Modus operandi, der sich durch alle Werke zieht, ist der hegelianischen Dialektik verbunden.

          Denn Steyerl, 1966 in München geboren, ist auch eine Theoretikerin, die neben dem Dokumentarfilm-Studium in Philosophie promovierte. Sie denkt in ihren Arbeiten Gegensätze oder scheinbar Entferntes und Unvereinbares zusammen, um in untergründigen Strukturen neues Verständnis aufscheinen zu lassen. Hier verbindet sie die aggressiven Angstworte aus der populären Musik mit Computeranimationen und Videos von Gleichgewichts-Tests an humanoiden Robotern, die für den Einsatz in Kampfzonen entwickelt werden.

          Noch sind es die Ingenieure, die ihren Kreaturen Tritte versetzen, um deren künstliche Intelligenz zu optimieren. Unterdessen finden in wirklichen Kampfzonen Bürgerkriege statt. In einem zweiten Teil der Installation führt ein Videofilm von Steyerl in die von türkischen Militäranschlägen zerstörte kurdische Stadt Diyarbakir im Südwesten der Türkei. Die Software Siri, die im Film einmal probehalber gefragt wird, ob sie wisse, welche Rolle Computertechnologie im Krieg spiele, findet keine Antwort. Zwischen an sich bezugslosen Worten wie „fuck“ und „die“ spannt Steyerl ein Netz von Erzählungen, mit denen sie Zusammenhänge einfängt und bewusst werden lässt; aber auch die Abgründe wie die brutale Realität des Krieges, die sich hinter sauber organisierten virtuellen Welten des technologischen Fortschritts und der künstlichen Intelligenz auftun.

          Frühe Übung im kritischen Denken

          Die retrospektivische Ausstellung im Centre Pompidou zeigt zwanzig Arbeiten von den frühen Dokumentarfilmen aus den neunziger Jahren bis zu den jüngsten raumeinnehmenden Multimedia-Installationen. Insgesamt laufen etwa acht Stunden Film über zahlreiche Bildschirme – mit Längen zwischen einigen Minuten bis zu einer Stunde. Schon in den frühen Filmen zeigt sich Steyerls kritischer politischer Geist, mit dem sie ihre Zeit und deren jeweils markante Ereignisse sondiert.

          Immer beschäftigen sie dabei auch philosophische Fragestellungen, die sie aber nie frontal angeht. In ihrer dokumentarischen Untersuchung „Die leere Mitte“ von 1998 siedelt sie ihr filmisches Nachdenken und Erzählen im Niemandsland des ehemaligen Grenzstreifens am Potsdamer Platz in Berlin an. Von dort aus umkreist sie elipsenartig die Themen von Grenze und Identität, von Nationalismus und Rassismus. Dabei spiegelt sich die Gegenwart in der Vergangenheit: die neoliberale Spekulation um Bestlage-Bauland in den Architekturen und Grenzziehungen des neunzehnten Jahrhunderts, die Geschichte der jüdischen Familie Mendelssohn in den Bildern demonstrierender Neonazis.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

          Gesundheitsminister-Bericht : Spahn plant Maskenpflicht bis 2022

          Mindestens bis zum Frühling will die Bundesregierung die Maskenpflicht aufrechterhalten. Gratistests sollen im Herbst entfallen und für Ungeimpfte könnten „erneut weitergehende Einschränkungen notwendig werden“.

          Druck auf Sportler : Die Stärke der Verletzlichen

          Der Druck, der auf den Stars dieser Spiele lastet, ist so sichtbar wie nie zuvor. Athletinnen und Athleten zeigen: Auch wer verletzlich ist, kann erfolgreich sein. Das könnte der Anfang eines Kulturwandels sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.