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Darmstädter Welterbe-Bewerbung : Im Magnetfeld künstlerischer Energien

Blick auf die Mathildenhöhe mit Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude und Russischer Kirche. Bild: EPA

Mit der Künstlerkolonie hat Darmstadt die Lebensreformbewegung entscheidend geprägt, jetzt soll sie Weltkulturerbe werden. Am 24. Juli fällt die Entscheidung.

          4 Min.

          Es ist erstaunlich, wie umstandslos Planungen selbst in Deutschland verändert werden können, wenn nur der politische Wille da ist. In Darmstadt hatte man einen Hauch von Missfallen unter den Experten der UNESCO gespürt, was den Standort und die Größe des geplanten Besucherzentrums für die Künstlerkolonie Mathildenhöhe angeht. Und weil man sich in der südhessischen Stadt große Hoffnungen macht, mit dem Jugendstil-Ensemble in den Kreis der Welterbestätten aufgenommen zu werden, wurde kurzerhand beschlossen, dass der Bau ein ganzes Stück weiter hangabwärts und damit außerhalb der Kernzone errichtet wird. Bei der Gelegenheit wurde auch die Kubatur deutlich verkleinert.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Um den ursprünglichen Entwurf des derzeit besonders angesagten Büros Marte.Marte aus Österreich ist es wahrlich nicht schade, es handelt sich um einen jener Beton-Glas-Pavillons samt weit auskragendem Flachdach, mit denen man hierzulande immer noch nahezu jede Wettbewerbsjury herumkriegt. Was den Entwurf dazu qualifizierte, auf die Besichtigung herausragender Bauten von Jahrhundertarchitekten wie Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens einzustimmen, wird auf immer das Geheimnis der Jury bleiben.

          Die Planungen für das Besucherzen­trum zeigen, wie ambivalent der Welterbestatus sein kann. Weil die UNESCO in durchaus berechtigtem Selbstbewusstsein annimmt, dass der von ihr verliehene Titel zu einem starken Anstieg der Besucherzahlen führt, müssen die Bewerber einen Plan vorlegen, wie sie mit dem Andrang umzugehen gedenken. Damit aber werden Eingriffe in das Erscheinungsbild des zu schützenden Ensembles beinahe unvermeidlich. Man könnte fast auf die Idee kommen, der Darmstädter Bewerbung einen Misserfolg zu wünschen, damit das Besucherzentrum überflüssig wird.

          Positive Gutachten

          Ein Fehlschlag des Antrags gilt in Fachkreisen allerdings als unwahrscheinlich. Die Bewerbung ist von der Stadt und dem hessischen Landesamt für Denkmalpflege überaus aufwendig und professionell vorbereitet worden, etwa mit Symposien und Expertenhearings. Man hat auch nicht vergessen, unter den Bürgern für die Sache zu werben. Wie inzwischen üblich, haben die Bewerbungsunterlagen den Umfang einer geisteswissenschaftlichen Habilitationsschrift. In die Sanierung der Gebäude fließen erhebliche Summen, schon länger präsentiert sich die Mathildenhöhe als Baustelle. Zu den hochgestimmten Erwartungen gibt aber vor allem eines Anlass: Die Gutachten der beiden ausländischen Experten sind sehr positiv ausgefallen. Deren Bedeutung in der Welt der höheren internationalen Denkmaldiplomatiebehörden ist kaum zu überschätzen.

          Die Bewerbung Darmstadts folgt der Lückendoktrin der UNESCO, wonach die auf der Welterbeliste ohnehin überrepräsentierten westlichen Staaten möglichst nur noch dann zum Zuge kommen sollen, wenn die vorgeschlagenen Stätten für bisher vernachlässigte Regionen, Epochen oder Themen stehen. Während die Architektur der klassischen Moderne in Deutschland mit dem Bauhaus in Dessau, den Berliner Wohnsiedlungen und den beiden Häusern von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gut vertreten ist, zielt Darmstadt mit seinem Antrag auf den künstlerischen und architektonischen Aufbruch in die Moderne zwischen Jahrhundertwende und Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

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