https://www.faz.net/-gqz-sjy8

Daniel Libeskind : Der erste Blitz

  • -Aktualisiert am

So fulminant wie er haben nur wenige begonnen: Sein Jüdisches Museum in Berlin ist ein Welterfolg. Von seinem „Freedom Tower“ hingegen scheint nicht viel übrig zu bleiben. Zum sechzigsten Geburtstag von Daniel Libeskind.

          2 Min.

          Eine Weile sah es so aus, als habe Daniel Libeskind sich tatsächlich selbst übertroffen. Als könne der gefeierte Architekt noch eins draufsatteln auf den Welterfolg seines Jüdischen Museums in Berlin, als werde er einen Bau schaffen, noch spektakulärer, noch symbolträchtiger, noch emotionaler als der zeichenhaft zerklüftete Blitz des Ausstellungshauses in Kreuzberg: den „Freedom Tower“ in New York, Ersatz und Überhöhung des zerstörten World Trade Center, Mahnmal und trotzige Geste im Zentrum des amerikanischen Traumas.

          Wie ein sanftmütiger Triumphator zog der 1946 in Polen geborene, in Israel aufgewachsene Amerikaner Libeskind in New York ein, nachdem er mit seinem städtebaulichen Konzept den wohl aufwendigsten Wettbewerb der Nachkriegsgeschichte in den Vereinigten Staaten gegen prominente Kritik gewonnen hatte. Er trat in allen Talkshows auf, ein eloquenter Plauderer und charismatischer Medienliebling, und verkündete den Sieg der Kunst über Terror und Tod.

          Ein winziges Foto

          Bald aber mußte Libeskind erfahren, daß selbst an der Stätte der tiefsten nationalen Verletzung Amerikas die rüden Gesetze der Ökonomie regieren. Während er noch von seinem Entwurf schwärmte, verkam der mehr und mehr zur Dekoration kommerzieller Interessen, und der musisch hochgebildete Baumeister, der einst vor einer Karriere als Pianist stand, wurde zusehends an den Rand gedrängt von David Childs, dem Hausarchitekten des Hauptinvestors Larry Silverstein. Die „New York Times“ hat den traurigen Prozeß einmal in einem einzigen Bild eingefangen: eine riesige weiße Fläche und darauf ein winziges Foto von Libeskind.

          Der Architekt hat auf die beharrliche Verstümmelung seines Masterplans mit einer Mischung aus öffentlicher Zuversicht, hartnäckigem Widerstand und gestalterischer Flexibilität reagiert, die manchem Kritiker wie Opportunismus erschien. Mit einer ähnlichen Strategie war es Libeskind seinerzeit in Berlin gelungen, seinen atemraubenden Museumsentwurf gegen vielfältige Einsprüche und tausenderlei Zumutungen zu retten. Schon vor der offiziellen Einweihung ein Publikumsmagnet, wurde der nervös verkeilte Bau sogleich zur Ikone des Dekonstruktivismus, erster Höhepunkt der Architektur im 21. Jahrhundert, und eines der wenigen Gebäude des Neuen Berlin, das auch international Beachtung und Bewunderung gefunden hat.

          Es war das erste Haus, das Libeskind fertigstellen konnte, der zuvor ausschließlich als Lehrer, Publizist und Theoretiker gearbeitet hatte, und es könnte sein, daß es sein Meisterwerk bleiben wird. Manches, was danach kam, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück etwa, das „Imperial War Museum North“ in Manchester oder der Anbau des Kunstmuseums in Denver, der im Herbst eröffnet werden soll, wirkte weniger inspiriert, weniger federnd, mitunter nahezu selbstreferentiell. Das muß natürlich nicht so bleiben. An diesem Freitag wird Libeskind sechzig Jahre alt, und viele bedeutende Architekten haben ihre Hauptwerke erst nach diesem Jubiläum geschaffen. Aber Libeskind hat es sich selbst besonders schwer gemacht: So fulminant wie er haben nur wenige begonnen.

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

          Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

          Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.