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„CyArk“ will Welterbe retten : Kultur für die Arche

Das CyArk-Projekt will das Weltkulturerbe retten. Bevor Zerstörungswut und Witterung die Kulturstätten zerstören, sollen sie in ein digitales Archiv aufgenommen werden. Die „CyArk“ tagte nun in Berlin.

          3 Min.

          Palmyra liegt in Scherben. Ninive ist ausgelöscht. Das Museum in Mossul geschändet. Die Stadt Hatra, einst eine Metropole zwischen antiken Großreichen, ein Trümmerfeld. Der Vernichtungsfeldzug des „Islamischen Staats“ gegen die Kultur hat die archäologischen Stätten des Nahen Ostens zu Symbolen des Kampfes gegen die Barbarei gemacht. Dabei werden im Irak schon seit der amerikanisch-britischen Invasion, also seit mehr als zehn Jahren, durch Raubgrabungen im großen Stil Kulturschätze zerstört. Aber jetzt findet die Zerstörung vor aller Augen statt, sie wird mit Kameras dokumentiert und im Internet ausgestellt. Die westlichen Regierungen, die Unesco, die Kulturbürokraten in Damaskus und Bagdad sehen der Tragödie hilflos zu. Umso lauter wird der Ruf nach einer Rettung des Welterbes im Bild – im fotografischen Modell, in der digitalen Simulation. Aber wer soll die digitale Erfassung wenigstens der wichtigsten, am meisten gefährdeten Stätten bezahlen, wer sorgt für die Technik, den Speicherplatz, das Personal?

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Gestern und vorgestern fand in Berlin der Jahreskongress des CyArk-Projekts statt. CyArk, vor zwölf Jahren von einem kalifornischen Unternehmerehepaar gegründet, ist eine Non-Profit-Firma, die sich der Digitalisierung des Kulturerbes verschrieben hat. Bis 2018 will CyArk fünfhundert Stätten und Artefakte mit Laserscannern erfassen und die prozessierten Daten in einem Bergstollen in Pennsylvania für die Ewigkeit bewahren. Auf der Website des Unternehmens sollen die 3D-Modelle der gescannten Orte außerdem frei zugänglich sein. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat sich CyArk die mäzenatische Unterstützung einiger führender Unternehmen der Cyberbranche gesichert, sowohl, was die Hardware der Apparate, als auch, was die nötige Software angeht. In der Berliner Staatsbibliothek, wo der CyArk-Kongress tagte, wurde ein Speichergerät von der Größe eines Smartphones vorgestellt, das 500 GB verarbeiten und aus zwei Meter Höhe ohne Schaden zu Boden fallen kann. Außerdem gab es neu entwickelte Scanner und ferngesteuerte Mini-Drohnen für Luftvermessungen zu sehen.

          Das alles klingt vielversprechend. Aber die Sache hat zwei Haken. Zum einen mahlen die Mühlen auch der eifrigsten Kulturretter immer noch langsamer als die Kiefer des Leviathan, der die Zeitgeschichte schreibt. Unter den Stätten, die es bislang auf die Arche Noah von CyArk geschafft haben, sind nur wenige in den akut bedrohten Regionen Syriens, des Iraks, des Libanons und der Südtürkei. Dafür finden sich dort so verschiedenartige Nutznießer wie die Altstadt von New Orleans, die Wandmalereien von Chumash, die Assyriensammlung im British Museum, die Abtei von Hirsau, die Kathedrale von Clairvaux und das Wrack der „Titanic“. Vor sechs Jahren hat CyArk immerhin die Ruinen von Babylon aufgenommen. Für Ninive dagegen kam jede Hilfe zu spät, so dass sich das Projekt „Niniveh Region“ auf die Digitalisierung von Fotos und Schriftstücken beschränken muss.

          Von Palmyra nach Disneyland

          Im Juni hat CyArk gemeinsam mit Icomos, dem Internationalen Rat für Denkmalpflege, ein Notprogramm zur Digitalisierung gefährdeter Kulturschätze im Nahen Osten ins Leben gerufen. Für dieses „Anqa“ – arabisch für „Phönix“ – betitelte Projekt sollen, wie es heißt, „Kulturministerien in der ganzen Region“ als Partner gewonnen werden. Darin aber steckt der zweite Haken des CyArk-Unternehmens: Bei ihrer digitalen Feldarbeit müssen sich die Retter aus Kalifornien auf die regionalen Autoritäten stützen, egal, ob Schurkenstaaten oder Demokratien. Ohne ein Mandat der Machthaber will CyArk sich nicht engagieren. Dabei machten die Vertreter der Regimes in Bagdad und Damaskus, die in Berlin auftraten, nicht den Eindruck, als stünde noch eine wirklich funktionierende Administration hinter ihnen. In Zukunft könnte auch Guerrillaarbeit nötig sein, um wenigstens den Anblick der Stätten des alten Zweistromlands für die Nachwelt zu retten. Davon will CyArk wenigstens vorerst nichts wissen.

          Ein anderes Dilemma der Digitalisierung archäologischer Artefakte zeigte sich bei der Vorstellung eines von CyArk unabhängigen Vorhabens mit dem vielversprechenden Namen „New Palmyra“. Die vom IS gesprengten Tempel, Tore und Grabtürme des „alten“ Palmyra waren bekanntlich (gut erhaltene) Ruinen. Auf der Website newpalmyra.org sieht man dagegen nur Animationen komplett rekonstruierter Bauwerke. Diese Art von digitalem Zauber führt nicht zurück nach Palmyra, sondern direkt nach Disneyland. Im Internet ist sie am richtigen Ort, als Vorlage für den Wiederaufbau hat sie nichts verloren.

          Und schließlich ist das, was CyArk und andere bestenfalls herstellen können, kein Abdruck der Sache selbst, sondern eine Sammlung von Bildern, Bilddateien. Ein Produkt. Handelsware. Wer besitzt die Rechte daran? Wer muss dafür bezahlen? Was bedeutet es, wenn ein privates Non-Profit-Unternehmen das visuelle Kulturerbe der Menschheit verwaltet? Nicht nur die Zerstörung, auch die digitale Bewahrung von Kultur wirft Fragen auf, die noch nicht annähernd geklärt sind. Aber man muss sie stellen. Jetzt.

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