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Hoppers Bilder in Coronazeiten : Allein auf dem Balkon

Edward Hopper wird jetzt, weil er sich auf leere Räume versteht, als der Illustrator der Corona-Krise betrachtet. Aber das verkürzt ihn.

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          Viral fliegt dieser Tage vor allem ein Bild über die sozialen Kanäle um die Welt – es handelt sich um „Cape Cod Morning“ von Edward Hopper, im Jahr 1950 entstanden. Hinter Glas wie in einem Aquarium steht dort eine junge Frau in einem engen Erker, die auf das verdorrte hohe Gras vor dem Haus oder auf etwas außerhalb des Bildes starrt. Hopper ist mit dem Bild seinerzeit eine geniale Reprise auf die Fensterbilder Vermeers gelungen, bei denen junge Frauen ebenfalls am Fenster stehen und Perlengeschmeide für irgendwen oder irgendwas anlegen. Nur dass Hopper keine Damen in Innenräumen zeigt und dieses Warten auf Godot nach außen in eine triste Umgebung richtet. Aktuell stehen wir alle wie auf dem Bild im Erker oder auf dem Balkon und starren ungläubig die Frühlingssonne an, ohne nach draußen zu dürfen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          In Basel-Riehen konnte man bis zur temporären Aussetzung vor wenigen Tagen eine der größten Hopper-Ausstellungen in Europa besuchen, die, wie der Titel verheißt, einen „Neuen Blick auf Landschaft“ ermöglicht, also auf die vom Menschen gestaltete, von Hopper bewusst ausgewählte und nach seinen Vorstellungen zugerichtete „Natur“.

          Ein weiteres solches nahezu menschenleeres Bild wie „Cape Cod Morning“ waren dort etwa die heruntergekommenen Scheunen von „Cobb’s Barn, South Truro“ an einem steilen Hang – Menschen verlassen gelegen auf der Landzunge von Cape Cod an der Ostküste der Vereinigten Staaten, auf die der Betrachterblick wörtlich von oben herabsehen muss. Warum sich der weltoffene Großstädter Barack Obama aus Chicago dieses Bild ins Oval Office hing, ist vielleicht gerade durch die „Porträts“ Hoppers von diesen stillen Landschaften zu erklären: Obama und seine Frau hatten sich 2019 auf der Cape Cod vorgelagerten Insel Martha’s Vineyard ein Haus gekauft.

          Nun hat allerdings Hopper seine Ausbildung als spätimpressionistischer Maler in Paris erfahren, so dass es schon im Ansatz verfehlt wäre, ihm anzulasten, er male zu wenig Figuren. Monet, dem großen Vorbild Hoppers, würde auch niemand vorwerfen, dass auf seinen Bildern nur sehr vereinzelt Menschen aufscheinen.

          Hopper selbst hat in einem seiner seltenen Interviews einmal bekannt, alles was er malen wolle, sei das Licht auf einer Wand. Sehr wahrscheinlich interessierte ihn selbst auf seinem bekanntesten Bild, den „Nighthawks“, das Spiel des durch eine der größten durchgehenden Scheiben Manhattans fallende Laternenlicht auf den Gläsern in der Bar mehr als die beiden einsamen Thekenfliegen und der ebenso ungesprächig wirkende Barkeeper. Er malt mit den eben auch immer existierenden sprachlos Vor-sich-hin-Trinkenden das – wohl eher unbewusst – gesetzte Gegenbild zu den Roaring Twenties. Was wir sicher wissen ist, dass Hopper eher wenige Freunde hatte, stark auf seine Frau Josephine, ebenfalls Malerin, fixiert war und sich freiwillig isolierte: Jeden Tag fuhr er die lange Strecke von einem Vorort New Yorks per Bahn zu seinem Atelier in Manhattan, lesend, schweigend, die Außenwelt betrachtend.

          Es sind aus diesen langen Fahrten keine Gemälde von ermüdeten Pendlern in den Abteilen erwachsen, keine sozialen Alltagsszenen von Hopper festgehalten worden. Gerade dies aber scheint das Geheimnis Hoppers zu sein, ein Alleinstellungsmerkmal, das zu seinen Lebzeiten den Nerv von ausreichend Sammlern – interessanterweise vor allem Großstädter – trifft, um ihm sein genügsames Auskommen zu sichern: entschleunigte, zeitentrückte Szenen überwiegend außerhalb der Metropolen, die etwas ungemein Meditatives besitzen.

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