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Constable, Delacroix, Friedrich, Goya in Dresden : Zug um Zug in die Gegenwart

So wurde die Kunst, was sie ist: Ulrich Bischoff verabschiedet sich vom Albertinum in Dresden mit einem grandiosen Bilderfest, das Goya, Constable, Delacroix und Friedrich aufeinandertreffen lässt.

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          Wohin?“ Die Frage steht groß auf den blinden Fenstern im Obergeschoss des überdachten Innenhofs im Dresdner Albertinum. Der belgische Künstler Luc Tuymans hat sie dort hingeschrieben, und die Antwort steckt direkt dahinter: in neun Sälen, die Tuymans und Ulrich Bischoff, dem gerade ausgeschiedenen Direktor der hier residierenden Galerie Neue Meister, zur Verfügung stehen, um ihre Version der Genese moderner Kunst zu präsentieren. Hier muss man hin, denn diese Ausstellung zählt zum Intelligentesten und Herausforderndsten, was in den letzten Jahren zu sehen war.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Warum? Weil hier ein viergleisiger Weg in die europäische Moderne beschritten wird, der zunächst einmal Mut zur klaffenden Lücke beweist. „Constable, Delacroix, Friedrich, Goya - Die Erschütterung der Sinne“ heißt die Schau, und dieser Titel verrät bewusst noch nichts darüber, was sie will. Die Namen verheißen vielmehr das Rendezvous eines Quartetts von Künstlern, die unabhängig voneinander im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Malerei auf eine neue Grundlage gestellt haben. Aber das hätte man von Turner, Géricault, Ingres oder Blake auch sagen können. Die Auswahl der vier Namensgeber orientiert sich an deren Schubkraft. Für Ulrich Bischoff sind sie Lokomotiven, die ganze Züge von anderen Künstlern angeschoben haben, bis heute.

          Woher? Das scheint also erst einmal die Frage zu sein, die die Dresdner Ausstellung in Bezug auf die Moderne beantwortet. Doch Bischoff ist nicht der Mann für bloße Retrospektion. Der 1994 als Direktor nach Dresden verpflichtete gebürtige Bremer war als Student der Kunstgeschichte in den sechziger Jahren zum Berliner Kreis um Peter Szondi gestoßen. Der Literaturwissenschaftler erhoffte sich von dem jungen Bischoff eine Ergänzung der eigenen ästhetischen Theorie durch Einbeziehung der bildenden Künste. „Erst heute könnte ich einige Bausteine dazu beitragen“, sagt Bischoff. Seine Ausstellung zeigt es. Was er bei Szondi gelernt hat, ist, dass es noch nicht reicht, die Gegenwart in die Analyse der Klassik einzubeziehen. Erst durch das, was die Gegenwart aus der Klassik macht, wird deren Rang begründet.

          Vereint und doch getrennt

          Wieso? Weil Kunst nur dann zu uns spricht, wenn sie aus den Fugen der Zeit fällt. Das meint die Rede von der „Erschütterung der Sinne“ - keine Einordnung nach zeitlichen Kriterien (man hätte die Ausstellung leicht „Begründung der Romantik“ betiteln können), sondern Einordnung nach dem Zugriff der Kunst auf uns statt nach unserem Zugriff auf sie. Im dritten Saal, dem „Scharnierraum“, wie Bischoff ihn nennt, werden die vier Titelkünstler unmittelbar zueinander in Beziehung gesetzt, jeder mit vier Bildern, jeder auf einer Wand, vereint und doch getrennt. Denn unmittelbare Beeinflussung hat es unter ihnen nicht gegeben, und trotzdem verändert dieses Gipfeltreffen jeweils unseren Blick auf Constable, Delacroix, Friedrich, Goya.

          Wodurch? Durch das Evidenzerlebnis der Gleichzeitigkeit einer Revolution, in deren Verlauf vier unterschiedliche Entwürfe von Kunst entstanden, die in der Ausstellung durch „Züge“ veranschaulicht werden, die von den vier Lokomotiven angeschoben werden. Constable treibt Menzel, Max Liebermann und den 1969 geborenen Belgier David Claerbout an, auf Delacroix folgen Cézanne, Per Kirkeby und der vierundfünfzigjährige Tuymans, Friedrich hat Hammershøi, Mark Rothko und Gerhard Richter in seinem Zug, Goya bekommt es mit Manet, Max Ernst und dem 1946 geborenen Fotografen Jeff Wall zu tun. Es deutet sich also eine Generationenfolge von 1800 bis in die Gegenwart an, doch auch sie ist assoziativ. Kirkeby etwa als Bestandteil der „dritten“ Generation lebt noch und ist sogar jünger als Richter, der hier zur „vierten“ gezählt wird. Natürlich erkennt man ästhetische Verwandtschaften, aber Manet zum Beispiel ist auch mit einer kleinformatigen Kopie der berühmten „Dante-Barke“ von Delacroix vertreten. Die Ansicht dieses Bildes ist eine wahre Erschütterung, nicht der Sinne, sondern des Geistes, denn es ist ein perfekter Goya-Duktus, in dem Manet Delacroix wiederholt. Was wir für sicher halten, wird hier radikal in Frage gestellt.

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