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Comic-Avantgarde in der Schirn : Hier liegt die Zukunft vor uns

Bruch Mitte der Zwanziger Jahre

Das änderte sich 1913 mit der Armory Show, als erstmals die europäische Avantgarde, vor allem Kubismus und Abstraktion, in Amerika auftrat. Braun hat bei seinen Recherchen eine verblüffende Entdeckung gemacht: Der 1883 geborene Comiczeichner Cliff Sterrett verbrachte in den zwanziger Jahren seine Sommerferien in Ogunquit, einem bevorzugten Badeort der New Yorker Intelligenzia. Dort lernte er Walt Kuhn kennen, den Organisator der Armory Show von 1913, in dessen Gesprächskreisen es um die neuesten künstlerischen Errungenschaften ging. In Sterretts bereits 1911 begonnener Comicserie „Polly and Her Pals“ kommt es Mitte der zwanziger Jahre zu einem Bruch: Plötzlich werden Bilder und Seitenarchitekturen expressionistisch, es kommt zur Explosion abstrahierter Formen und Zeichen. Und nach zwei, drei Jahren ist dieser schöne Spuk auch schon wieder vorbei. Braun liefert die erste plausible Erklärung für diese legendäre kurze Blüte eines stets höchst amüsanten, aber sonst recht häufig in Manierismen erstarrten Comic-Strips.

In ständiger stilistischer Wandlung begriffen war dagegen „Gasoline Alley“, eine Serie, die Frank King von 1918 bis in die späten fünfziger Jahre zeichnete. Ihre Besonderheit besteht darin, dass darin von 1921 an in Echtzeit erzählt wurde: King ließ die Protagonisten dem Verlauf des täglichen Abdrucks entsprechend altern. „Gasoline Alley“ ist so zur langlebigsten und zur genauesten Chronik der amerikanischen Gesellschaft im zwanzigsten Jahrhundert geworden.

Das öffnet uns die Augen

An einer langen Wand in der Schirn werden 27 Strips aus den Jahren von 1920 bis 1956 aneinandergereiht, bei deren Abschreiten man den Figuren beim Älterwerden zusehen kann. Und zugleich Kings Meisterschaft bei der Adaption verschiedenster Stile bewundern, denn er passte seine Zeichnungen den jeweiligen Moden, aber auch Inhalten seiner großen Saga an. Als etwa einer seiner Helden in den Zweiten Weltkrieg zieht, benutzt King die mit Pinsel getuschte, schwarzgesättigte Darstellungsweise, die sein Kollege Milton Caniff für den Abenteuercomic etabliert hatte. Wenn McCay seiner Zeit permanent voraus war, war King ihr permanent auf der Spur – ästhetisch wie kulturgeschichtlich. Auch das ist eine einmalige Leistung.

George Herrimans fulminante Serie „Krazy Kat“, erschienen von 1913 bis 1943, ist längst ein Klassiker der Comicgeschichte und auf dem besten Wege, auch einer der Kunstgeschichte zu werden. Hier hat die Ausstellung denn auch eine besonders reiche Auswahl an Originalzeichnungen zu bieten, während es von Charles Forbells nur achtzehnmal erschienener Serie „Naughty Pete“ über einen ungehorsamen kleinen Jungen kein einziges erhaltenes Original gibt. Dafür ist es Braun gelungen, dreizehn der achtzehn Zeitungsseiten aus dem Jahr 1913 zusammenzutragen, was eine Sensation ist, denn solche ehedem in Hunderttausenden Exemplaren gedruckten Comics sind heute kaum noch zu finden, weil schlechtes Papier und ein Jahrhundert Missachtung die Bestände minimiert haben.

Mit Forbell bietet die überreiche Ausstellung einen neuen Klassiker an. Die anderen fünf sind unter Kennern längst bekannt, doch was in der Schirn zu sehen ist, wird auch sie begeistern. Allemal aber jene Besucher, die dergleichen noch nie gesehen haben. Diese Schau öffnet uns die Augen. Und lässt nur eine Frage offen: Warum hat man für die Präsentation zu Feiningers Comicschaffen nicht die Zeitungsseiten aus dem MoMA entliehen? Ob das Haus sie überhaupt bis heute bewahrt hat?

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