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Das Festival Climate Cultures : Wir Geschöpfe des Öls

  • -Aktualisiert am

Öl hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Wie machen wir jetzt ohne weiter? Ölpumpen in Texas. Bild: dpa

Dafür braucht es seismographische Aufmerksamkeit: Wie spiegelt sich die Klimakrise in der Kunst? Ein Festival in der Berliner Volksbühne leistet Pionierarbeit.

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          Am zweiten Tag von „Planet schreibt zurück!“ wurde Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ erwähnt, erschienen 1939, in dem er die Ungeheuerlichkeit seiner Gegenwart daran festmacht, dass es sich falsch anfühle, über Bäume zu sprechen. Zu leicht, zu sorglos als Thema in einer Zeit des Verbrechens. Das dreitägige Symposium im Roten Salon der Berliner Volksbühne ging gewissermaßen von der umgekehrten Prämisse aus: Jetzt sind es gerade Bäume, jetzt ist es die Natur, über die gesprochen werden muss: der verdorrende Wald, das schmelzende Eis, die Katastrophe, in die sich die Menschheit gerade manövriert. Zu er­kunden, wie die Klimakrise Widerhall findet in der Kunst, war das Ziel von „Planet schreibt zurück!“.

          Petra Ahne
          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Titel steckt ein Echo auf „The em­pire writes back“, jener Aufsatzsammlung, die 1989 erstmals postkoloniale Positionen versammelt hat, und ähnliche Pionierarbeit dürfen die Festival-Organisatoren vom Climate Cultures network berlin für sich beanspruchen. Dafür braucht es seismographische Aufmerksamkeit, ein Erspüren der Re­sonanz auf die Klimaerwärmung und ihre Folgen. Der gedankliche Unterbau des Symposiums kam dann auch von Wissenschaftlern, die selbst Grenz­überschreiter und -erweiterer ihrer Disziplinen sind. Der Soziologe Harald Welzer zum Beispiel, der schon 2008 mit Claus Leggewie am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen einen Schwerpunkt Klimakultur einrichtete, ist überzeugt, dass die soziale Dimension des Klimawandels zu wenig Beachtung finde. Oder Mike Hulme, Professor für Humangeographie an der Universität Cambridge, der den naturwissenschaftlichen Blick auf die Erderwärmung zunehmend unzureichend fand und ein sechsbändiges Werk darüber veröffentlichte, wie Klima Kulturen prägt. Beide gehörten zu den teils anwesenden, teils zugeschalteten Gästen im Roten Salon, der für drei Tage zu einem – soweit die Hygieneregeln das erlaubten – schummrig-intimen Labor des Klimawandels als Kulturwandel wurde.

          Wie kommen wir da raus und was kommt danach?

          Die thematische Aufteilung des Symposiums wirkte nicht recht schlüssig, weil etwa Literatur einen Tag zugewiesen bekam, aber als Gattung, die mit „Climate Fiction“ ein eigenes Genre-Label im kulturellen Klimadiskurs hat, sowieso durchweg präsent war. Den arktischen Regionen war ein Tag gewidmet und einer der „Ölmoderne“. Aufschlussreich war, welche roten Fäden sich unter der disparaten Oberfläche verbargen, wenn man am En­de, ermattet, aber angeregt, die Po­diumsgespräche Revue passieren ließ.

          Was dem Planeten und damit uns gerade passiert, bringt offenbar drei Narrative hervor: das eines Verlusts, das einer Vergegenwärtigung dessen, was geschieht, und das einer möglichen Zukunft – einer Antwort auf die Frage: Wie kommen wir da raus und was kommt danach? Letztere Erzählung gibt es noch nicht so richtig, wie dringend sie gebraucht werde, wurde mehrfach festgestellt.

          Der Verlust, der mit der Erderwärmung einhergeht, war eindrücklich thematisiert in der Arbeit von Minik Rosing und Ólafur Elíasson, von der Ro­sing, Geologe aus Grönland, berichtete. Für die Aktion „Ice Watch“ brachten sie Eisblöcke aus der Arktis nach London und Paris und ließen sie dort schmelzen. Die Vergegenwärtigung menschlichen Tuns präsentierte das Kol­lek­tiv „Beauty of Oil“, bestehend aus Alexander Klose und Benjamin Steininger, lustvoll in einer Vortragsshow, die, zur Ausstellung verwandelt, auch gerade im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen ist.

          Die kühne Mischung aus Wissenschafts-, Wirtschaftsgeschichte und Popkultur zeigte, was später Lukas Bärfuss – Autor der Theaterstücks „Öl“ – fast verzweifelt entfuhr: „Alles, was ich bin, ist ohne Öl nicht zu denken.“ Und wie kommen wir heil an im postfossilen Zeitalter? „Weg von dem Moralinquatsch“, forderte Harald Welzer und erwog eine „Klimakomödie“. Die kanadische Autorin Catherine Bush, in deren Büchern Natur eine sinnliche Präsenz hat, glaubt, dass wir Ehrfurcht wieder lernen müssen.

          In Kim Stanley Robinsons Roman „Ein Ministerium für die Zukunft“ ist die Welt am Ende klimaneutral und gerechter, allerdings erst nach Attentaten von Klimaaktivisten. Diesen Teil des Plots möchte Robinson eher als Warnung verstanden wissen. Es müsse ohne Gewalt klappen, sagte er: „Sonst droht uns Chaos.“

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