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Claudia Schiffers Ausstellung : Die Kuratorin zeigt ihre lilienweißen Hände

Wie kann ein Museum Modefotografie ausstellen? Der Düsseldorfer Kunstpalast versucht es mit Claudia Schiffer – als Leihgeberin, Begleittextautorin und Hauptperson auf den gezeigten Bildern.

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          Im Jahr 1992 feierte die amerikanische Modezeitschrift Vogue ihren hundertsten Geburtstag. Für die auf April datierte Jubiläumsausgabe bestellte die Chefredaktion ein Titelbild bei Patrick Demarchelier. Das Foto des damals fünfzigjährigen Franzosen zeigt zehn der seinerzeit bekanntesten Fotomodelle der Welt vor weißem Hintergrund und in weißer Kleidung. Die Frauen tragen allesamt das Gleiche: Bluse – mit Knoten vor dem Bauch – und Hose, keine Schuhe, keine Strümpfe. Ein Abzug von Demarcheliers Foto und ein Exemplar des Heftes hängen in der Ausstellung des Düsseldorfer Kunstpalasts über Modefotografie der Neunzigerjahre in der Abteilung über Titelbilder.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Kunstpalast ist ein Museum. Für Nicht-Düsseldorfer muss man das vorsichtshalber hinzusagen. Es handelt sich um das städtische Kunstmuseum, das sich am Anfang unseres Jahrhunderts, ein Dreivierteljahrhundert nach seiner Gründung, den Namen seines Vorgängerbaus aneignete, einer Halle der Rheinisch-Westfälischen Industrie-Gewerbe-und-Kunst-Ausstellung von 1902. Das zeitweilige Museum Kunstpalast heißt unter seinem 2017 aus Frankfurt geholten Direktor Felix Krämer heute nur noch Kunstpalast, ist aber ein Museum geblieben.

          Eine Anhäufung von Schönheiten ist keine Sammlung

          Warum hängt ein Museum ein Bild wie Demarcheliers Auftragsarbeit zur Hundertjahrfeier der Vogue auf? Es muss damit etwas zu verstehen geben wollen. Dass ein Bild schön ist oder Schönes zeigt beziehungsweise den mutmaßlichen Schönheitsvorstellungen einer erklecklichen Zahl von Besuchern entspricht, sollte ihm nicht genügen. Erst recht ergibt die Anhäufung von Schönheiten noch keine Museumssammlung und auch keine Ausstellung. Wohlgemerkt kann nicht die Frage sein, ob dieses oder jenes Artefakt für sich genommen museumswürdig ist. Umgekehrt muss sich ein Museum seiner Gegenstände würdig erweisen, indem es sie in erhellende Zusammenhänge stellt – damit es einen Unterschied macht, ob man sie im Museum sieht oder außerhalb.

          Wie könnte man es nun anstellen, den Besuchern bei der Urteilsfindung darüber behilflich zu sein, ob Demarchelier ein bemerkenswertes Bild gelungen ist? Ein Kurator könnte ins Bücherregal greifen und auf einer Schrifttafel oder im Katalog aus Alois Riegls Untersuchung „Das holländische Gruppenporträt“ zitieren. In diesem klassischen Buch aus dem Jahr der Einweihung der Düsseldorfer Gewerbeausstellungswelt erörtert der Wiener Kunsthistoriker die Lösungen, welche die niederländischen Maler für eine Aufgabe entwickelten, die alles andere als selbstverständlich ist: Eine Vielzahl von Personen wird gemeinsam in einem Raum dargestellt; im festgehaltenen Moment haben sie nichts zu tun; sie haben nur miteinander zu tun und, so eine These von Riegl, mit dem Betrachter.

          Es handelt sich um die Mitglieder eines Wachregiments oder des Vorstands eines Waisenhauses, die sich bereithalten oder Vorsorge getroffen haben. Sie könnten die Hände in den Schoß legen, tun es aber nicht, weil das nicht gut aussähe. Die Gesten, mit denen sie die Leere der Situation füllen und Abwechslung schaffen, beschreibt Riegl als Handlungen, die auf halbem Wege stecken bleiben. Sie sind nicht an die Kameraden oder Kollegen im Bild adressiert, sondern bedürfen der Ergänzung durch den Betrachter, der seine eigene Person hinzudenken muss.

          Dinge von offenbar symbolischer Bedeutung

          Schon in den frühesten niederländischen Einzelporträts dient „das Vorzeigen der Hände, der vornehmsten Organe der Handlung“, laut Riegl offenbar nur dem Zweck, sie „in Ruhe erscheinen zu lassen, indem sie tatlos auf einer Brüstung liegen oder zum Beten gefaltet sind oder endlich einen Ring, eine Nelke oder ähnliche Dinge von offenbar symbolischer Bedeutung vorzeigen müssen“. Mit solchen Dingen ist auch die Requisitenkiste des Modefotografen gefüllt. Am häufigsten begegnet in der Düsseldorfer Auswahl, bei Helmut Newton und Peter Lindbergh, die Zigarette; bei Gilles Bensimon überwuchert das sprießende Bukett zum bestickten Jackett die Nelke.

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