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Georgia O'Keeffe in Paris : Zuhause in der Wüste

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Atemzüge eines Sommers: Georgia O’Keeffes „My Front Yard, Summer, 1941“ Bild: Georgia O'Keeffe/Adagp, Paris, 2021

Sie ist in Europa nur selten zu sehen: Das Centre Pompidou in Paris zeigt eine Retrospektive der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe.

          4 Min.

          Georgia O’Keeffe nimmt nicht nur mit ihrem Werk, sondern auch als Künstlerpersönlichkeit eine singuläre Position in der Moderne ein. Bis zu ihrem Tod 1986 mit fast hundert Jahren erlebte sie alle Kunstbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts, ohne je einer einzigen nahezustehen. Ihre suggestiven Blüten, oft als makrofotografische Ausschnitte gemalt, oder die kargen Landschaften Neu Mexikos mit Felsformationen wie pantheistische Naturkörper, dann wieder strenge, minimalistische Farmgebäude oder fast metaphysische New Yorker Bauten, die sich wie Menhire gen Himmel strecken, sind vornehmlich in der Figuration verankert. Bisweilen spielen sie mit den Grenzen zur Abstraktion.

          Dass ihre Malerei die Darstellung gegebenenfalls zur Auflösung treibt oder auf elementare Linien und Formen reduziert, bleibt für O’Keeffe ein Ausdrucksmittel, kein programmatisches Ziel. Selbst wenn Gemälde den Namen „Abstraction“ tragen, wurzeln sie doch in einer spürbar sinnlichen Erfahrung des Realen. O’Keeffe ist eine Pionierin der amerikanischen Moderne, indem sie die in ihren jungen Jahren durchweg europäischen Vorbilder der Avant­garden aufnimmt und verarbeitet, ih­re Malerei jedoch zutiefst mit ihrem inneren Seinsgefühl, das heißt auch: mit einer amerikanischen Identität prägt.

          Aufbruch der amerikanischen Moderne

          Obwohl O’Keeffe zu den bedeutendsten amerikanischen Malerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gehört – sie ist die erste weibliche Künstlerin, der es gelang, sich bei der Kritik, am Kunstmarkt und in den Mu­seen durchzusetzen, und hat sogar einen Platz an der mythischen Tafel von Judy Chicagos „Dinner Party“ –, gab es lange Zeit kaum Gelegenheit, ihr Werk in Europa zu sehen. Der Großteil ihrer Arbeiten hängt in nordamerikanischen Sammlungen, von dort stammen auch die meisten Leihgaben für die Retrospektive im Cen­tre Pompidou. Die europäischen Mu­seen, die Werke O’Keeffes besitzen, lassen sich an einer Hand abzählen, darunter das Lenbachhaus in München. Im vergangenen Jahrzehnt richteten endlich die Münchner Kunsthalle (2012) und dann die Londoner Tate Modern gemeinsam mit dem Kunstforum in Wien (2016/2017) Retrospektiven aus. In Frankreich gab es bislang nur eine thematische Schau, die im Jahr 2015 den Einfluss der Fotografie auf O’Keeffes Werk unter die Lupe nahm.

          Die Rolle des für den Aufbruch der amerikanischen Moderne wohl bedeutendsten Fotografen und einflussreichen Galeristen Alfred Stieglitz für den Werdegang von Georgia O’Keeffe ist entscheidend, sie bildet den Auftakt der von Didier Ottinger ausgerichteten Ausstellung. Vom Jahr 1905 an zeigte Stieglitz in den Räumen seiner Galerie 291 in der Fifth Avenue als Erster und lange Zeit Einziger die Künstler der europäischen Moderne. Er stellte die erotischen Aktzeichnungen Auguste Rodins aus, dann Paul Cézanne („der Vater von uns allen“, wie Picasso sagte) und Henri Matisse, später Picasso, Picabia und Brancusi. Georgia O’Keeffe besuchte die Galerie zum ersten Mal 1908. In den folgenden Jahren ging sie gewissermaßen durch die stieglitzsche Ausstellungsschule. Vor allem entdeckte sie in der Galerie 291 das Werk von Wassily Kandinsky und las enthusiastisch dessen gerade erschienene Schrift „Über das Geistige in der Kunst“.

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