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Comicausstellung in Basel : Tibet, son amour

Stimmungsmeister Cosey: eine Szene aus dem Album „Saigon–Hanoi“ von 1992 Bild: Éditions Dupuis

Das Cartoonmuseum Basel zeigt das Werk des Schweizer Zeichners Cosey. Seine Sehnsucht nach Tibet hat ihn zu einem der erfolgreichsten Abenteuerautoren gemacht. Und zu einem Propagandisten von dessen Unabhängigkeit.

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          Unter einer jener Auftaktseiten zu einer Episode seiner Erfolgsserie „Jonathan“, die Bernard Cosendai als verführerische Totalen exotischer Szenerien zu gestalten pflegt, findet sich ganz klein am Rand seine Künstlersignatur „Cosey“, aber hier begleitet von der Miniatur eines Schweizer Alphornbläsers – ein seltener Bezug des in jeder Hinsicht weltläufigen Autors auf sein Heimatland. 1950 wurde Bernard Cosendai alias Cosey in Lausanne geboren, aber schon die englisch anmutende Schreibweise seines Pseudonyms verweist darauf, dass es sich bei ihm umgekehrt zum üblichen Einwandererschema verhält: Seine Familie war aus Amerika nach Europa gekommen. Und er selbst wollte wieder zurück.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dafür hatte er aber nur sein Zeichenbrett und sein erzählerisches Talent. Mit dem Beginn der Arbeit als Assistent seines nur wenig älteren, aber bereits eta­blierten Landsmannes Derib (eigentlich Claude de Ribaupierre) spezialisierte sich Cosey 1970 zunächst auf Western-Comics. Doch als sein eigentliches Sehnsuchtsland sollte sich eines im Osten erweisen: Tibet.

          Cosey entwickelte eine große Bewunderung für die dortige Landschaft, Kultur und speziell den tibetischen Buddhismus. Nur war der seit 1950 chinesisch besetzte Mönchsstaat in den Siebzigerjahren noch verschlossenes Gebiet, also begab sich Cosey nur in seinen Comics dorthin: Mit „Jonathan“ begann er 2017 im französischsprachigen Comicmagazin „Tintin“ eine Abenteuerserie, die ihren Titelhelden auf biographische und spirituelle Spurensuche in den Himalaja führte. Der Erfolg beim Publikum war sofort da, und 1982 ge­wann der siebte Band der Reihe in Angoulême die wichtigste französische Comicauszeichnung. Und auch andere Sprachgebiete kamen auf den Ge­schmack, nicht zuletzt das deutsche. Im vergangenen Jahr ist der Zyklus mit dem siebzehnten Album dann beendet worden.

          Ein Himalaya der Bilder

          Aus allen siebzehn Bänden hängen Ori­ginalseiten im Cartoonmuseum Ba­sel, dicht an dicht, arrangiert wie die Silhouette eines Gebirgszugs. Und die Textpassagen an den Wänden sind bisweilen so gestaltet, dass die Schriftzeilen Tem­pel­dächern ähneln. Dazu gibt es – Novität an diesem Ort – in Standvitrinen tibetische Kultobjekte: Leihgaben aus dem nahe­ gelegenen Basler Museum der Kulturen. Cosey hat Tibet für seine Comics regelrecht studiert, erst aus der Ferne und dann, sobald es möglich wurde, auch durch regelmäßige Reisen dorthin. Er ist ein vehementer Fürsprecher der Unabhängigkeit des Landes, und diese Haltung ist auf seinen Jonathan übergegangen.

          Doch auch wenn „Jonathan“ Coseys mit Abstand populärste Arbeit ist, gehören auch seine jeweils zweibändigen Geschichten „Auf der Suche nach Peter Pan“ (1984/85) mit ihrer in der Schweiz angesiedelten Handlung und der wiederum in Tibet spielende „Buddha des Himmels“ (2005/06) zu den Meisterwerken des europäischen Comics. Wie solche Alben wurden, was sie sind, zeigen baseltypisch die Tischvitrinen mit Arbeits­materialien, Skizzen und Vorabdrucken.

          Ein neues Publikum erreichte Cosey 2016, als er eine eigene alte Kinderliebe wiederaufleben ließ und mit Genehmigung des Disney-Konzerns für einen fran­zösischen Verlag eine „Micky Maus“-Ursprungsgeschichte zeichnete, ganz im Stil der amerikanischen Comics aus den Dreißigerjahren. Doch er machte sich den Spaß, darin Dinge zu zeigen, die damals undenkbar gewesen wären, so etwa eine sich rasierende Micky Maus – das galt in der Zwischenkriegszeit als viel zu intim. Cosey hat aber nicht nur seine Figuren, sondern auch sich selbst in fünfzig Jahren immer wieder neu erfunden, und das bisweilen in altertümlich anmutendem Stil. Der Parcours in Basel ist ein Genuss. Eine ästhetische Lehrstunde. Und eine politische überdies.

          Cosey – Vers l’inconnu. Im Cartoonmuseum Basel; bis zum 26. Februar 2023. Kein Katalog.

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