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Hundert Jahre Cabaret Voltaire : Dada lebt, und Gott ist tot

Die Revolte der Künstler und Literaten, die im Cabaret Voltaire ihren Anfang nahm, war ein irrationaler Aufstand gegen die Gesellschaft, ihre Konventionen, Normen, Zwänge: Zürich feiert hundert Jahre Dada.

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          Im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse im Züricher „Niederdorf“, wo vor hundert Jahren Dada die Welt betrat, herrscht schon am frühen Nachmittag reger Betrieb. Von hier aus revolutionierten Dada die abendländische Kunst und Lenin, der gleich gegenüber wohnte, das zaristische Russland. Ihm muss der lärmige Betrieb im Cabaret gelegentlich den Schlaf geraubt haben. Über das „Kesseltreiben“ in der Wohnung der Dadaisten gab es regelmäßig Klagen aus der Nachbarschaft. Von der zukünftigen Bedeutung ihrer Nachbarn hatten die Emigranten auf der linken und rechten Seite der engen Spiegelgasse wohl gegenseitig nichts geahnt. Von der politischen Polizei überwacht wurden beide.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Als Emigranten oder Deserteure waren Künstler und Schriftsteller aus halb Europa auf der Flucht vor der nationalistischen Kriegspropaganda und dem Schlachten in den Schützengräben in die neutrale Schweiz geflohen. Tristan Tzara kam aus Rumänien, Hugo Ball - der an der Front gewesen war - aus Berlin nach Zürich, wo sie zusammen mit dem Elsässer Hans Arp und anderen am 5. Februar 1916 das Cabaret Voltaire gründeten. Ball lebte mit der „Schriftstellerin und Tingel-Tangel-Sängerin“ Emmy Hennings als „Concubinatspaar“ zusammen, in großer Armut, „weil niemand arbeitet“, wie ein Polizist, der sie observierte, vermerkte.

          Nur die Volkspartei war noch dagegen

          Bevor sie ein eigenes Lokal fand und sesshaft werden konnte, zog die nach der Figur des Humanisten Rabelais benannte freie Truppe „Cabaret Pantagruel“ durch die Kneipen der Stadt. Weil ihre lebensfreudigen Mitglieder doch noch ein bisschen an die Irrlichter der Aufklärung zu glauben wagten, gaben sie der Stätte ihres Wirkens den Namen Voltaires. Doch in ihren Manifesten und Werken führten die Dadaisten die Kriterien der Vernunft und der Ästhetik ab absurdum. Die Revolte der Künstler und Literaten, denen es die Sprache verschlagen hatte, deren Bilder aus jedem Rahmen fielen, war ein irrationaler Aufstand gegen die Gesellschaft, ihre Konventionen, Normen, Zwänge. Gegen die Kunst selbst. Einige ihrer Vertreter suchten das verlorene Heil später auf dem Monte Verità im Tessin. Nach dem Krieg war Dada in Zürich umgehend vorbei und ging in Paris, Berlin, New York weiter.

          Tiefe Wahrheit: „Dodo war da bevor Dada da war“ von Sophie Taeuber und Hans Arp
          Tiefe Wahrheit: „Dodo war da bevor Dada da war“ von Sophie Taeuber und Hans Arp : Bild: dpa

          Das verwinkelte Haus, in dem der Spuk begonnen hatte, gehört der Lebensversicherung Swiss Life. Um die Jahrtausendwende sollte eine Apotheke einziehen. Die Immobilie wurde besetzt. An der Kampagne zur Rettung beteiligte sich der Uhrenindustrielle Nick Hayek ideell und finanziell mit der Begründung, dass seine Swatch mit Dada verwandt sei: Sie habe das Statussymbol der teuren Uhr ad absurdum geführt. Der sich konsequenterweise abzeichnenden Einbindung des Cabaret Voltaire in die Kulturpolitik verweigerte sich nur die Schweizerische Volkspartei, welche die Förderung bekämpfte: „Kein Steuergeld für Dada.“ Doch Dada war mehrheitsfähig geworden. Im Shop werden Fliegen, wie sie Hugo Ball auf Fotos trägt, und sonstige Dada-Devotionalien feilgeboten. Auch Dada-Absinth, dessen Konsum damals verboten war, wird in Flaschen verkauft. Die Türen zu den Toiletten stehen weit offen, die Wände sind tapeziert. Sind sie Teil der Inszenierung? Die automatische Spülung spült ein schlechtes Gewissen oder ein subversives Selbstbewusstsein in den gleichen Orkus.

          Das musste wieder einmal gesagt werden

          „Heute bin ich froh, dass im Cabaret Voltaire nicht Starbucks drin ist und Touristen etwas über Dadaismus erfahren können“: Zum Auftakt des Jubiläumsjahrs hielt der Berliner „Pastor Leumund“ (alias Jan Theiler) die unfreundliche Rede. Er war an der Besetzung des Hauses, die seiner Rettung vorausging, beteiligt. „Es gibt sicherlich viele Zürcher, denen eine Gedenktafel gereicht hätte“, spottete Pastor Leumund und legte sich mit ihren Kulturpolitikern an: „Wohlstand und Vernunft sind mit Dada unvereinbar. Zürich schmückt sich mit Verrückten, Zürich feiert hundert Jahre Dada, doch diese Stadt ist gerade so undada wie schon lange nicht mehr.“

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          Auch das musste natürlich wieder einmal gesagt werden. Denn Zürich bemüht sich mit viel Aufwand und nicht ganz erfolglos, das Gegenteil zu beweisen. Das Kunsthaus rekonstruiert das Buchprojekt „Dadaglobe“: Tristan Tzara hatte 1921 eine Anthologie geplant und im Namen des „Mouvement Dada“ Beiträge erbeten. Porträts, Fotos, Collagen, Montagen kamen zusammen, von Max Ernst, Picasso, Jean Cocteau. In einem Andruck glaubt man, eine Studie John Heartfields zu seinem genialen „Fußballmenschen“ - der Ball im Bauch - zu erkennen. Die Dokumentation kam nicht zustande, „Dadaglobe Reconstructed“ verwirklicht sie und vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt - gegenwärtig in Zürich, ab Juni im MoMA in New York.

          Das Gegenteil von Gaga

          „Bin ich jetzt auch ein Totengräber von Dada?!“, sinniert Stefan Zweifel. Er hat zusammen mit Juri Steiner die große Ausstellung „Dada Universal“ im Landesmuseum zusammengestellt. Sie ist vielschichtig, komplex, reich, intellektuell, aber ebenso verspielt und schöpferisch. „Mit poetischem Unsinn verlachen die Dadaisten im Cabaret Voltaire den Wahnsinn der Zeit, Sprache und Bilder werden dabei zerstückelt wie die Körper auf den Schlachtfeldern“, liest man am Eingang in den dunklen Saal mit 18 Vitrinen. Filme, Töne, Bilder, Gegenstände - jedes Detail stimmt und verweist auf das Ganze. Der ausgestorbene Vogel Dodo, der nicht fliegen konnte, ist hier an seinem Platz. Der allererste aber wird Nietzsche eingeräumt, der Gott für tot erklärt hatte, bevor Dada den Tod der Kunst verkündete. Und alles möglich wurde, vor allem das Schlimmste.

          Auf einem Flugblatt hatten die Surrealisten gefordert, Rimbaud vom Sockel zu holen - Steiner und Zweifel haben ihn von Marcel Duchamps „Urinoir“ abgeschraubt, das ohne Untersatz etwas erbärmlich wirkt. Eine Vitrine variiert das Thema Masken bis zu den Gasmasken. Steiner und Zweifel lassen den Blick auf Dada bis in die Antike zurückschweifen. Und verfolgen die Rezeption bis in die achtziger Jahre: Der Situationismus und Guy Debord waren die würdigsten Erben der Dadaisten - und in Zürich selbst die Akteure der „Jugendunruhen“, die „aus dem Staat Gurkensalat“ machen wollten und freie Sicht aufs Mittelmeer forderten. „Dada Universal“ besticht durch die konsequente Weigerung, die Vereinnahmung der Avantgarden zu beklagen: Dada ist möglich, Dada ist nötig - Dada lebt. Dada war das Gegenteil von Gaga.

          Hier trank Hugo Ball einmal ein Bier

          Das weltweite Interesse ist gewaltig. Vom „Observer“ und TV-Sendern werden die Ausstellungsmacher interviewt. Sie hatten im Landesmuseum vor drei Jahren die Zeit zuvor („Reise ins Glück, 1900-1914“) aus der Erinnerung geholt. Gerade war Philippe Dagen von „Le Monde“ im Landesmuseum. „Es scheint komisch, dass die Dada-Anarchie in Zürich begann“, wundert sich das „Wall Street Journal“: „In einer Stadt, die besser bekannt ist für finanzielle Effizienz als für künstlerische Experimente.“ Doch der Finanzplatz der Banken und Versicherungen scheut sich nicht, mit dem Jubiläum Standort- und Tourismus-Werbung zu betreiben. Hotels bieten Dada-Spezial-Arrangements an. Auf der Homepage von Zürich Tourismus gibt es eine Dada-Rubrik, in einer Broschüre wird die Stadt als „cultural paradise“ gepriesen - was zutrifft für eine Zeit, die für die anderen die Hölle war.

          Das Amt hat einen Stadtplan mit allen Attraktionen publiziert. Er verzeichnet die Orte, an denen Hugo Ball ein Bier trank oder eine Bratwurst verzehrte. Ein paar denkwürdige Events stehen auf dem Programm. Im Wonnemonat Mai gibt es im Hauptbahnhof ein Fest „Zürich tanzt den HB“ (und freut sich auf Besucher aus Köln). Am Samstagabend fand im Kunsthaus der einst protestantischen Hochburg ein Maskenball statt, zu dem Hunderte von Besuchern erwartet wurden. Im Eintrittspreis von 49 Franken war nur der erste Cocktail inbegriffen.

          Eine weitere Ironie der Geistesgeschichte

          Auch das wird - und muss - Dada überleben. Denn Zürich und die Schweiz haben noch einiges vor mit der wichtigsten Literatur- und Kunstbewegung, die ihnen - wie Zweifel und Steiner irgendwo vermerken - von Ausländern geschenkt wurde. Begonnen hatten Zeremonien schon im vergangenen Jahr mit einem offensichtlich überflüssigen „S.O.S. Dada“ bei der Biennale in Venedig. Im Tessin wird man an Hugo Ball und Emmy Hennings erinnern: „Das Paradies war für uns.“ Im wiedereröffneten Zürcher Literaturmuseum Strauhof läuft bereits die Ausstellung über Friedrich Glauser. Der Schriftsteller und Sophie Taeuber-Arp, deren sich das Museum für Gestaltung annimmt, waren die einzigen Schweizer unter den Dadaisten. Im Juni stehen die „Festspiele Zürich“ unter dem Motto „Dada zwischen Wahnsinn und Unsinn“. Das Kunsthaus präsentiert dazu eine Retrospektive von Francis Picabia. Das Schauspielhaus bekommt Besuch von der Volksbühne (mit Konrad Bayers „der die mann“). In der Tonhalle gibt es „Dadaistische Kammermusik“.

          Mit dem Bezug der Dadaisten zu den außereuropäischen Kulturen befasst sich - ausgehend von den „soirées nègres“ im Cabaret Voltaire und Hugo Balls Lautdichtung - ab Mitte März das Museum Rietberg: „Dada Afrika“. Die intensiven Feierlichkeiten sind der beste Beitrag der Schweiz zu den Gedenkzeremonien des Ersten Weltkriegs, der - nach dem Verschontbleiben auch im Weltkrieg danach - weitgehend aus dem Bewusstsein des Landes verschwunden ist. Dass sie kurz vor der Abstimmung über die „Durchsetzungsinitiative“ zur „Ausschaffung der kriminellen Ausländer“ vom 28. Februar in Gang gekommen sind, ist eine weitere Ironie der Geistesgeschichte. Doch gegen die Instrumentalisierung von Dada durch die Tourismusbehörden gibt es rein gar nichts einzuwenden. Ihre Aufgabe ist bekanntlich die Förderung des Fremdenverkehrs, und zumindest als Touristen bleiben Ausländer in der Schweiz herzlich willkommen.

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