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Hundert Jahre Cabaret Voltaire : Dada lebt, und Gott ist tot

Das musste wieder einmal gesagt werden

„Heute bin ich froh, dass im Cabaret Voltaire nicht Starbucks drin ist und Touristen etwas über Dadaismus erfahren können“: Zum Auftakt des Jubiläumsjahrs hielt der Berliner „Pastor Leumund“ (alias Jan Theiler) die unfreundliche Rede. Er war an der Besetzung des Hauses, die seiner Rettung vorausging, beteiligt. „Es gibt sicherlich viele Zürcher, denen eine Gedenktafel gereicht hätte“, spottete Pastor Leumund und legte sich mit ihren Kulturpolitikern an: „Wohlstand und Vernunft sind mit Dada unvereinbar. Zürich schmückt sich mit Verrückten, Zürich feiert hundert Jahre Dada, doch diese Stadt ist gerade so undada wie schon lange nicht mehr.“

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Auch das musste natürlich wieder einmal gesagt werden. Denn Zürich bemüht sich mit viel Aufwand und nicht ganz erfolglos, das Gegenteil zu beweisen. Das Kunsthaus rekonstruiert das Buchprojekt „Dadaglobe“: Tristan Tzara hatte 1921 eine Anthologie geplant und im Namen des „Mouvement Dada“ Beiträge erbeten. Porträts, Fotos, Collagen, Montagen kamen zusammen, von Max Ernst, Picasso, Jean Cocteau. In einem Andruck glaubt man, eine Studie John Heartfields zu seinem genialen „Fußballmenschen“ - der Ball im Bauch - zu erkennen. Die Dokumentation kam nicht zustande, „Dadaglobe Reconstructed“ verwirklicht sie und vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt - gegenwärtig in Zürich, ab Juni im MoMA in New York.

Das Gegenteil von Gaga

„Bin ich jetzt auch ein Totengräber von Dada?!“, sinniert Stefan Zweifel. Er hat zusammen mit Juri Steiner die große Ausstellung „Dada Universal“ im Landesmuseum zusammengestellt. Sie ist vielschichtig, komplex, reich, intellektuell, aber ebenso verspielt und schöpferisch. „Mit poetischem Unsinn verlachen die Dadaisten im Cabaret Voltaire den Wahnsinn der Zeit, Sprache und Bilder werden dabei zerstückelt wie die Körper auf den Schlachtfeldern“, liest man am Eingang in den dunklen Saal mit 18 Vitrinen. Filme, Töne, Bilder, Gegenstände - jedes Detail stimmt und verweist auf das Ganze. Der ausgestorbene Vogel Dodo, der nicht fliegen konnte, ist hier an seinem Platz. Der allererste aber wird Nietzsche eingeräumt, der Gott für tot erklärt hatte, bevor Dada den Tod der Kunst verkündete. Und alles möglich wurde, vor allem das Schlimmste.

Auf einem Flugblatt hatten die Surrealisten gefordert, Rimbaud vom Sockel zu holen - Steiner und Zweifel haben ihn von Marcel Duchamps „Urinoir“ abgeschraubt, das ohne Untersatz etwas erbärmlich wirkt. Eine Vitrine variiert das Thema Masken bis zu den Gasmasken. Steiner und Zweifel lassen den Blick auf Dada bis in die Antike zurückschweifen. Und verfolgen die Rezeption bis in die achtziger Jahre: Der Situationismus und Guy Debord waren die würdigsten Erben der Dadaisten - und in Zürich selbst die Akteure der „Jugendunruhen“, die „aus dem Staat Gurkensalat“ machen wollten und freie Sicht aufs Mittelmeer forderten. „Dada Universal“ besticht durch die konsequente Weigerung, die Vereinnahmung der Avantgarden zu beklagen: Dada ist möglich, Dada ist nötig - Dada lebt. Dada war das Gegenteil von Gaga.

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