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Bibliothek von Birmingham : Buchstaben über der Stadt

  • -Aktualisiert am

Früher war Birmingham das Zentrum der britischen Rüstungsindustrie. Heute ist es die Heimat der größten öffentlichen Bibliothek Europas.

          3 Min.

          Man sollte denken, dass öffentliche Bibliotheken ein Auslaufmodell wären. Schließlich nimmt im Zeitalter des Internets die auf Bücher, Zeitschriften und Zeitungen verwendete Lesedauer beständig ab, vor allem bei jüngeren Menschen. Doch weit gefehlt: Vielerorts in Europa erleben Bibliotheken gerade eine Renaissance, insbesondere in Ländern wie Finnland, die der Bildung einen hohen Stellenwert beimessen und öffentlichen Gebäuden wie Bibliotheken und Schulen über ihre primäre Nutzung hinaus zahlreiche weitere Funktionen zuweisen. Folgerichtig entwickeln sich Bibliotheken zu Multifunktionsgebäuden, die im Einzelfall auch schon mal die Rolle von Gemeindezentren, örtlichen Jobcentern oder informellen Treffpunkten übernehmen können, ohne dabei ihre Kernfunktion als Wissensspeicher und -vermittler zu vernachlässigen.

          Das spektakulärste Beispiel dafür ist derzeit die Stadtbibliothek von Birmingham. Dass in der zweitgrößten Stadt Großbritanniens mit ihren etwas mehr als einer Million Einwohnern die größte öffentliche Bibliothek Europas gebaut wurde, mag auf den ersten Blick erstaunen. Doch das frühere Zentrum der britischen Rüstungsindustrie, das im Zweiten Weltkrieg schwere Zerstörungen durch Bombardements der deutschen Luftwaffe erlitt, hat sich mittlerweile zur zweitwichtigsten Dienstleistungsmetropole Englands und auch zur Universitätsstadt entwickelt. Dazu kommt, dass Birmingham den größten Anteil junger Menschen (ein Viertel der Einwohner ist jünger als 25 Jahre) aller europäischen Großstädte und auch den höchsten Einwohneranteil mit Migrationshintergrund auf den Britischen Inseln verzeichnet. Gerade solche jungen und immigrierten Menschen sind es, die mit ihrem Hunger nach Bildung und Berufsqualifikation, aber auch nach zwanglosen Begegnungen in einem geschützten öffentlichen Raum das breite Angebot einer Stadtbibliothek rege nutzen.

          Im Jahr 2008, als mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers die weltumspannende Finanz- und Wirtschaftskrise begann, traf die Stadtverwaltung von Birmingham die Entscheidung, in Sichtweite der alten, 1974 im Stil des Brutalismus errichteten Bibliothek einen Neubau zu wagen. Er sollte in funktionaler, aber auch architektonischer Hinsicht neue Maßstäbe setzen. Zugleich bot sich damit die Chance, eine zuvor nur als Parkplatz genutzte Brache im Stadtzentrum zu beleben. Die Aufgabe wurde dem in Delft ansässigen Architekturbüro Mecanoo überantwortet, das erstmals mit der Bibliothek der dortigen Technischen Universität (1998) und danach mit zahlreichen weiteren Projekten im Bildungs- und Kulturbereich bewiesen hatte, dass es unkonventionelle Wege beschreitet und überraschende bauliche Lösungen für multiple Anforderungen entwickeln kann.

          Das von Francine Houben geleitete Architektenteam hatte nicht, wie sonst bei öffentlichen Bauten üblich, ein detailliertes Raumprogramm in eine Bauform zu transferieren, sondern musste zunächst in intensiven Gesprächen mit den künftigen Nutzern des Gebäudes - Mitarbeitern, Anbietern zusätzlicher Serviceleistungen, Bevölkerung - Wünsche und Ideen sammeln und daraus ein Funktionsschema generieren. Erst im nächsten Schritt wurden gestalterische Lösungen für die vielfältigen Nutzungsbereiche und innere wie äußere Erscheinung des Gebäudes entwickelt. Die Gebäudestruktur sollte flexibel sein, damit sie ohne große bauliche Eingriffe an verschiedene Nutzungsoptionen angepasst werden kann.

          Eine wesentliche Entwurfsentscheidung war es, die Depots nicht unter die Erde zu verbannen, sondern sie als Herzstück des Hauses in der Mitte des Gebäudes zu plazieren. Auf klassische Tiefgeschosse verzichteten die Architekten nahezu komplett, vielmehr reihen sich im hohen Erdgeschoss und auf mehreren kaskadenartig abgestuften Ebenen viele publikumsintensive Bereiche aneinander: das Foyer, das sowohl die Bibliothek als auch das benachbarte, ebenfalls von Mecanoo umgestaltete und erweiterte benachbarte REP-Theatergebäude erschließt, verschiedene Lesebereiche (darunter Kinder- und Musikbibliothek) und als Abschluss ein kleines offenes Amphitheater, über das Tageslicht bis in die wenigen komplett unter der Platzoberfläche verborgenen Bereiche einfällt.

          In den Obergeschossen ist die Bibliothek als Folge von Räumen strukturiert, die den Besucher fast zwangsläufig durch das gesamte Gebäude führen, bis zur „Schatzkammer“ in der Dachrotunde, die den Shakespeare Memorial Room von 1882 birgt, der schon die beiden Vorgängerbauten der Bibliothek schmückte. Hier oben atmet das sonst so moderne Gebäude den Geist der Viktorianischen Epoche und gewährt Besuchern einen Panoramablick über das moderne Birmingham. Drei weitere, versetzt angeordnete Rotunden prägen das Zentrum des Bauwerks. Sie sorgen dafür, dass die Verteilerebenen und auch weit von den Fassaden entfernte Bereiche der Präsenzbibliothek Tageslicht erhalten und die Abluft auf natürlichem Wege, ohne Unterstützung einer Klimaanlage, nach oben entweichen kann. Die Leseplätze sind alle zu den großflächigen Verglasungen der Fassaden hin orientiert, in den Kernzonen sind Arbeits- und Besprechungsräume untergebracht, mehrere Zwischenetagen für die Verwaltung und ein Konferenzzentrum reserviert.

          Wie ein Kettenhemd überziehen Metallfassaden mit sich überlappenden Kreisen den größten Teil des Gebäudes. Sie wecken viele Assoziationen, unter anderem an das historische und in England einzigartige Goldschmiedeviertel in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Fassadenornamentik verleiht der Bibliothek eine ganz eigene Anmutung und hebt sie, ohne dass es dazu eines stadträumlichen Maßstabssprungs bedurft hätte, aus dem Ensemble der drei „Palazzi“ hervor, das sie gemeinsam mit dem REP-Theater und dem gleichfalls benachbarten Baskerville House bildet. Die Gestaltung und das Angebot des Bibliotheksgebäudes ziehen die Menschen in Scharen an: Durchschnittlich 10 000 Besucher pro Tag sind der Beweis dafür, dass die öffentliche Bibliothek in Birmingham alles andere als ein Auslaufmodell ist.

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