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Brueghels Zeichnungen in Wien : Eine Welt ohne Mitte und Maß

  • -Aktualisiert am

Mit liberaler Ironie nahm Pieter Bruegel der Ältere alle aufs Korn, besonders die Kirche. In Wien wird sein zeichnerischeres Werk ausgebreitet.

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          Pieter Bruegels Federzeichnung des „Jüngsten Gerichts“ aus dem Jahre 1558 fällt rätselhaft aus. Während sich im Vordergrund die Gräber öffnen und auferstandene Seelen von koboldartigen Dämonen bedrängt werden, thront Christus als Weltenrichter über dem Ganzen. Aber anders, als es durch die Tradition beglaubigt wird, fehlen Maria und Johannes als Fürbitter. Noch stärker irritiert der Umstand, dass scheinbar Tausende den Weg in den Himmel hinaufwandeln, aber vergleichsweise wenige in den Höllenrachen hinabstürzen. Diese werden von Dämonen mit einem Schiff, das wie eine Art Wippe funktioniert, in den Höllenschlund gestoßen.

          Anders als bei Hieronymus Bosch oder in der altniederländischen Malerei ist bei Bruegel der Himmel für alle offen. Es scheint fast so, als würde sich der Künstler über das Schreckgespenst des Jüngsten Tages lustig machen wollen und das damit einhergehende Angstpotential kritisieren. Das Schiff als Symbol für die Kirche gibt jedenfalls einen eindeutigen Hinweis. Diese ist wohl nicht das geeignete Vehikel zur himmlischen Seligkeit. Solche ikonographischen Abweichungen, mit der nicht selten eine Kritik an der katholischen Kirche einhergeht, finden sich in den vom Künstler entworfenen Kupferstichen regelmäßig, und so schrieb sein erster Biograph im Jahre 1604, Bruegel habe auf dem Sterbebett seine Frau angewiesen, Zeichnungen zu verbrennen, befürchtete er doch, ihr könne daraus Ärger mit der Inquisition erwachsen.

          Die in der Wiener Albertina eröffnete, elegante Schau zur Graphik Pieter Bruegels d. Ä. bietet die Möglichkeit, diese besondere Eigenart seiner Kunst zu studieren. Die Ausstellung beschäftigt sich in einer Abfolge von sieben Bereichen mit zentralen Fragen seiner Landschaftsgraphik, seinen Bauernfesten, den Tugend- und Lasterserien sowie der Bosch-Nachfolge und schließlich seiner kunsttheoretischen Selbstdarstellung.

          Der Kustodin Eva Michel ist es gelungen, zahlreiche unentdeckte Abzüge der Kupferstiche, aber auch unentdeckte Werke von Zeitgenossen des Flamen aufzufinden. Frans Huys’ bisher unbekannter Kupferstich etwa zeigt die Handelsmetropole Antwerpen, die in jener Zeit als Zentrum künstlerischer Innovation, aber auch ketzerischer Bewegungen, galt. Das breite, querformatige Blatt zeigt die vom Wasser umschlossenen wehrhaften Mauern und die zahlreichen Kirchtürme der Stadt, die ihr eine unverwechselbare Silhouette verleihen. Händler bewegen sich auf die Stadttore zu, vor denen sich zahlreiche Weizenfelder und Gärten erstrecken.

          Das ist ja „weder römisch noch antik“!

          Antwerpen ist die erste Wirkungsstätte des Künstlers, wo er 1551 nachweislich als Meister der Malergilde beitritt und zunächst für den Verleger Hieronymus Cock arbeitet. Seine in einer Auflage von mehr als tausend Exemplaren erscheinenden Werke machen Bruegel bekannt, und so folgen schon bald Malereiaufträge für die städtische Elite. Er pflegt nachweislich Umgang mit dem Humanisten und Kartographen Abraham Ortelius, mit dem er nach Italien reist. Der Kartograph ist es auch, der einen Nachruf auf den Künstler verfasst. Mit dem intellektuellen Kreis um Ortelius aus Theologen, Humanisten und Künstlern teilt der Flame die damals aktuellen Debatten. Nicht wenige mussten aus religiösen Gründen das Land verlassen.

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