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Bruce Nauman in Basel : Raus aus meinem Kopf

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Sex and Death by Murder and Suicide, 1985 Bild: Bruce Nauman / 2018, ProLitteris, Zürich

Seine Arbeiten handeln vom Verschwinden. Doch sind sie brutal? Eine große Bruce-Nauman-Schau in Basel zeigt die Wahrheit über den Anti-Künstler.

          5 Min.

          Ja mei. Ist in den letzten fünfzig Jahren Gegenwartskunst eigentlich irgendwas passiert? Da steht man vor den Studentenarbeiten des Bruce Nauman und sieht: schmale Leinwände mit minimalistischen Farbstreifen. Lange halbierte Schlangen aus Fiberglas, die aufeinander zu und aneinander in die Höhe laufen. Und wie industrielle Bauteile anmutende Formen aus Epoxidharz an der Wand mit Glitter drin. Also genau das, was junge Künstler heute machen.

          Man weiß ja, dass der sparsame Nauman für zwei nachfolgende Künstlergenerationen so einflussreich war wie Marcel Duchamp. Aber das hier ist schon ein bisschen krass. Man könnte denken, die Geschichte sei einmal im Kreis gefahren, als wäre sie selbst eine Inszenierung des Übervaters Nauman, der ja die nirgendwohin führende Kreisbewegung so liebt.

          Es gibt Sätze, die Künstler für immer bereuen. Weil sie, je öfter sie zitiert werden, ein Lebenswerk auf einen Aspekt verengen. Bruce Nauman zum Beispiel dürfte sich wünschen, er hätte nie gesagt, seine Kunst solle den Betrachter treffen wie ein Baseballschläger ins Gesicht. Denn damit wird der Eindruck zementiert, dass es seiner Kunst um Brutalität ginge, was man angesichts der über die Museen dieser Welt verteilten Installationen mit aneinandergeklebten schmerzverzerrten Köpfen und Videos mit schreienden, im Kreis fahrenden Gesichtern, Platzangst verursachenden Korridorverengungen, blinkenden Neonumrissen kopulierender Körper und von großen Karussellvorrichtungen über den Boden geschleiften Plastiktieren ja durchaus denken könnte.

          Dabei beweist die am Freitag eröffnete riesige Nauman-Ausstellung im Baseler Schaulager, dass Brutalität eher ein Nebeneffekt ist. Die erste Retrospektive seit 25 Jahren, die im Herbst ans Museum of Modern Art und das PS 1 in New York weiterwandern wird, zeigt nämlich neben vielen hinlänglich bekannten Klassikern vor allem den Spieler Nauman, der als Student mit einem Professor eine Plastikplane über einen Bach spannt und im Wind wehen lässt. Der am Frühstückstisch Buchstaben aus Teig mit Marmelade beschmiert („Eating My Words“). Der für ein experimentelles Fernsehprogramm mit Latten Sand auf dem Boden hin und her schiebt, kennerhaft kommentiert von seinen Künstlerfreunden Peter Saul und William Allan.

          Sie zeigt den Zeichner Nauman, der in vielen Blättern durchspielt, wie das aussieht, wenn man schielend seine Zeigefinger aufeinander zubewegt, bis zwischen ihnen ein dritter kleiner Fingerstummel in der Luft zu schweben scheint. Und sie zeigt den luftigen, zarten, an der Grenze zum Nichts arbeitenden Nauman, der zwei Fotobücher in Schallplattenformat mit zu reinen Farbverläufen geronnenen Ausschnitten des kalifornischen Himmels veröffentlicht hat, mit zum Dahinschmelzen schlichter Typographie auf den Titeln: „CLEARING SKY“ und „LA AIR“.

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