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Bruce Nauman in Amsterdam : Jahrmarkt der Grausamkeiten

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Rotieren ist nicht von gestern: Das Amsterdamer Stedelijk Museum widmet dem amerikanischen Künstler Bruce Nauman eine sehr aktuelle Retrospektive.

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          Es soll Zeiten gegeben haben, in denen das wiederholte Waschen von Händen als Ausdruck eines übertriebenen Reinheitswahns galt. „Washing Hands Abnormal“ nannte etwa der Amerikaner Bruce Nauman 1996 eine Videoarbeit, der man jetzt in seiner Retrospektive im Amsterdamer Stedelijk Museum mehr Aufmerksamkeit schenkt, als man es vor der Corona-Krise getan hätte. Eine Stunde lang möchte man zwar nicht vor den zwei übereinander gestapelten Monitoren ausharren, um Nauman beim rituellen Kneten von Seife zu assistieren. Aber als Entree hätte man sich kein anderes Werk wünschen können, fasziniert über den Perspektivwechsel, den eine lange unter Neuroseverdacht stehende Kulturtechnik erfahren konnte.

          Entstanden ist die fünfzig Schaffensjahre umfassende Schau in Kooperation mit der Londoner Tate Modern. Im winterlichen Lockdown haben wohl nur wenige Glückliche diese über vierzig Werke zählende Feier zeitloser Konzeptkunst zu Gesicht bekommen. In Amsterdam strahlt sie umso mehr, greift sie doch genau die Befindlichkeiten auf, denen man seit einer gefühlten Pandemieewigkeit nicht mehr entkommen konnte: Isolation, Frustration und Langeweile. Wenn der junge Nauman Ende der sechziger Jahre in seinen Schwarz-Weiß-Videos gegen Wände anrennt und sich über ein von ihm auf dem Boden gezeichnetes Quadrat vortastet, weiß man, die Häutung zu einem der innovativsten Nachkriegskünstler ist ihm gewiss, auch wenn der Rückzug ins Innere bereits sonderbare Eigenarten zeitigt.

          Eine zirkusreife Manege des Todes

          Geradezu ein klaustrophobisches Déjà-vu ist beim Betreten von „Get Out of My Head, Get Out of This Room“ von (1968) spürbar. Der Künstler knurrt immer wieder den Satz aus dem Titel. Er möchte unter sich bleiben. Die postpandemische Verunsicherung hätte man doch gerne am Beispiel eines weniger toxischen Isolators erfahren. Selbst ein Klassiker wie der Neonschriftzug „The true artist helps the world by revealing mystic truths“ von 1967 rührt mit seinem spiralförmigen Heilsversprechen an, meint man aus ihm doch nicht mehr den Zeitgeist der drogenumnebelten Sixties zu hören, sondern das Angebot zur existentiellen Reflexion – und die ist nur zum Preis der Anstrengung einer sich dem Kreisen der Schrift anpassenden Halswirbelsäule zu haben, eine Übung, die jedem Geschädigten des verordneten Home Office zu empfehlen sei.

          Ein Werbeschild, das zum Denken aufruft – nur eines von unzähligen Aperçus, die der heute Neunundsiebzigjährige mit Vorliebe in unerwartete mediale Konstellationen gießt, von Performances über Skulptur bis zu Klangarbeiten und textbasierten Installationen. Mit dem Stedelijk verbindet den Pionier in all diesen Disziplinen, bis auf die Malerei, die er links liegen ließ, die Teilnahme an der legendären Gruppenausstellung „Op losse schroeven“ von 1969.

          „Bruce Nauman“ hat einige Schnittmengen mit der drei Jahre zurückliegenden, erheblich größeren Retrospektive im Baseler Schaulager. Und doch ist diesmal etwas anders. Nicht, weil hier eine Chronologie fehlt. Es scheint, als hätte Naumans unerbittlicher Blick auf das Dasein unter dem Eindruck des globalen Covid19-Desasters aus dem kunsthistorischen Kanon-Loop herausgefunden, in dem er allmählich seine Schärfe zu verlieren drohte.

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