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Vermeer in Dresden : Der Mensch, ein Ding unter Dingen

Cupido hält wieder seine Hand über sie: Jan Vermeers „Briefleserin am offenen Fenster“ von 1657. Bild: SKD

Jan Vermeers spektakulär restaurierte „Briefleserin am offenen Fenster“ steht im Mittelpunkt einer großen Dresdner Ausstellung, die den Maler aus Delft in das Panorama seiner Zeit rückt. So viele Gemälde von Vermeer waren noch nie in Deutschland zu sehen.

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          Als der Assistent des Delfter Stadtnotars im Februar 1676 die Inventarliste im Haus des zwei Monate zuvor verstorbenen Ma­lers Jan Vermeer erstellt, fehlen einige wichtige Gegenstände, die wir aus Vermeers Bildern kennen. Der kostbare anatolische Knüpfteppich, der in fast jedem zweiten Gemälde als Dekoration dient, ist verschwunden, auch der Globus, an dem Vermeers „Astronom“ seine Studien treibt und den sein „Geograph“ auf den Schrank verbannt hat, ist nicht mehr da, und die Wandkarte mit den Sieben Provinzen, vor der die „Briefleserin in Blau“ ihre Epistel betrachtet und „Der Soldat und das lachende Mädchen“ am Tisch sitzen, taucht ebenfalls nicht auf der Liste auf. Dafür findet der Notariatsassistent im Hinterzimmer des ersten Stocks ne­ben Bettpfannen, Stühlen, einem Weidenkorb und dreißig Bü­chern auch „einen Cu­pido“. Es ist ein Ge­mälde, das den Liebesgott als nackten Knaben zeigt. Nebenan, im Vorderzimmer, das nach Norden hinausgeht, lag das Atelier des Malers.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Restauratoren der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen haben den Cupido jetzt auf einem ihrer bekanntesten Bilder wiederentdeckt. Die „Briefleserin am offenen Fen­ster“ war 1742 zusammen mit dreißig anderen Kunstwerken aus der Sammlung des Prinzen von Savoyen-Carignan in den Be­sitz des sächsischen Kurfürsten Au­gust III. gelangt. Damals hielt man das Ge­mälde für ein Werk von Rembrandt, später für das eines Rembrandt-Schülers. 1812 schrieb es der Galerieinspektor einem „J. van der Meer“ zu, vierzehn Jahre später galt es wieder als Arbeit von Pieter de Hooch. Erst nachdem der französische Kunstschriftsteller William Thoré-Bürger die „Briefleserin“ 1859 abermals zugeschrieben hatte, wurde Vermeer endgültig als ihr Schöpfer erkannt.

          Eine ständig wachsende Vermeer-Gemeinde

          Dass sich unter der hellgrauen Wand hinter dem Kopf des brieflesenden Mädchens ein übermaltes Bild mit schwarzem Rahmen verbarg, wussten die Dresdner Experten seit Langem. Aber erst nachdem eine Materialprobe vor vier Jahren ge­zeigt hatte, dass die Übermalung nicht zur ursprünglichen Farb­schicht gehörte, sondern Jahrzehnte spä­ter entstanden war, entschlossen sie sich, das Mo­tiv freizulegen. Zum Vorschein kam ein nackter Knabe mit Bo­gen und er­ho­be­nem linken Arm, wie er auch auf der „Jungen Da­me am Virginal“ aus London, der „Un­ter­brochenen Mu­sik­stun­de“ aus der New Yorker Frick Collection und, seitlich an­geschnitten, auf dem „Schlafenden Mädchen“ aus dem Me­tro­po­li­tan Museum of Art auftritt. Vieles spricht dafür, dass es sich um denselben Cupido handelt, den der Nachlassprüfer in Vermeers Haus auflistete. Die „Briefleserin“ stammt von 1657, die „Junge Dame am Virginal“ entstand fünfzehn Jahre später. Der Liebesgott hat Vermeer ein kurzes Malerleben lang begleitet.

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