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DDR-Malerei in Südamerika : Der Ostkunstschatz von Brasilia

Diplomatie im Dschungel: Wie DDR-Maler an den Amazonas kamen, zeigt das Brandenburgische Landesmuseum Cottbus und erzählt dabei die Geschichte einer besonderen Sammlung.

          3 Min.

          In seiner Plattenbauwohnung stapelten sich die Bilder bis zur Decke. Es ist das Jahr 1985, in der Leipziger Straße 65 in Ostberlin, in einem Diplomatenhochhaus direkt am Mauerstreifen. Hier lebt Francisco Chagas Freitas, der ein Jahr zuvor in der Hauptstadt der DDR eintraf, binnen kürzester Zeit in die Untergrund-Kunstszene eintauchte und dadurch einer der wichtigsten Kunstsammler des Staates wurde.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          In der Diplomatenwohnung hortet er die subversiven Gemälde wie einen Schatz. Er sammelt Werke von Hermann Glöckner, Eberhard Göschel, Gerda Lepke, Peter Hermann und vielen anderen. Dort gestaltet er sich eine Welt jenseits des dominierenden sozialistischen Realismus, die jetzt im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus wiederaufersteht und dabei auch die Geschichte eines besonderen Kunstsammlers erzählt.

          Von 1984 bis 1991 war Freitas Kultur­attaché der brasilianischen Botschaft in der DDR. Er kam nach seiner diplomatischen Ausbildung mit Ende zwanzig, in­mitten der Tauwetterperiode, in den Os­ten Deutschlands. Sein damaliger Chef, der Botschafter Mario Clabria, war ebenfalls Kunstfreund und führte ihn an die zeitgenössische Kunst der DDR heran.

          Die beiden verbindet die Leidenschaft für die abstrakte Kunst des sozialistischen Landes, die bei den nationalen Kunstschauen nicht gezeigt wurde. Sie sind be­sonders von den Künstlern fasziniert, die durch das Raster des Kunstbetriebs fallen. Künstler, die abstrakt, expressionistisch und nicht figürlich gearbeitet haben.

          Im „melancholischen Osten Berlins“, wie er später oft sagt, sucht er den Kontakt zu Künstlern der „zweiten Reihe“. Sein Diplomatenstatus und das Devisengehalt waren die Eintrittskarten zur Kunstszene, die zwischen Untergrund und Staatskunst unterschied, und zu ei­nem bunten Bohemeleben, dass sich in der Cottbusser Ausstellung erahnen lässt.

          In Dresden hat er seine intensivsten Kontakte. Die Stadt an der Elbe, mit der Kunstakademie, wird zu seinem Sehnsuchtsort. Der Diplomat besorgt für die Künstler die nur schwer zu bekommenden Acrylfarben aus dem Westen und kauft ihre Werke. Der erste Künstler, der es Freitas wegen seiner radikalen Bildsprache antat, war Max Uhlig. Das Ölgemälde „Landschaft“ aus dem Jahr 1979, das in expressiven Strichen Eindrücke eines kargen Landstriches in Mecklenburg Vorpommern zeigt, erwarb er 1984 in der Galerie Rotunde im Alten Mu­seum in Berlin.

          Es wird das erste Bild seiner Sammlung. Uhlig, der sich dem Kanon der Kunstpolitik nicht anpasste, hatte zunächst kaum Erfolg. Erst nach der Wiedervereinigung folgte sein künstlerischer Durchbruch, auch durch seine exzentrischen Porträts. Eines fertigt er Mitte der Achtziger von Freitas an. Auf dem gestrichelten Bild ist er als gefiederter Vogel dargestellt. Daneben sind die Punks von Angela Hampel und die Tänzer von Helge Leiberg platziert.

          Auch der Bildhauer Hans Scheib studierte in den Siebzigern in Dresden. Von ihm erhält Freitas ein Bild, welches den Umriss eines am Boden liegenden Menschen zeigt. Dunkle Schwarztöne formen einen Schatten, der die Figur um­gibt. Wenige Jahre später, 1989, malt Peter Hermann den Diplomaten: als nachdenklichen jungen Mann, mit Horn­brille und beigen Anzug – ein Symbolbild dieser Dekade.

          „Sie drangen nachts in mein Apartment ein“

          Der für die freien Künstler immer schwieriger werdende DDR-Alltag inspiriert sie zu mystisch aufgeladenen Gemälden, die in eine Traumwelt führen. Karla Woisnitza malt 1989 mit „Abacate (Avocado)“, einen sprießenden Avocadokern vor pechschwarzem Hintergrund.

          Kurz vor dem Mauerfall gerieten nicht nur seine Wegbegleiter, sondern auch er selbst ins Visier der Staatssicherheit. „Sie drangen nachts in mein Apartment ein. Sie stellten alle Bilder auf den Kopf, um zu zeigen, dass sie da waren“, sagt er in ei­nem Interview. Auch in der Sammlung zeigt sich dieser Bruch. Ein blauer Engel schwebt über der Stadt, die in Rot getränkt ist. Seine Flügel sind ausgebreitet. Der Blick gleitet über die Menschen, die zurückbleiben. Das Gemälde „Goodbye Dresden“ von Wolfgang Scholz ist ein Schlüsselwerk. Der Künstler nahm Ab­schied von seiner Heimatstadt und schuf eine Elegie des Verlassens und Verlassenwerdens – Gefühle, die für viele um Freitas Alltag waren, sei es, weil sie selbst aus der DDR flohen oder andere es taten.

          Die Schau ist auch ein Mosaik der Nischen der DDR-Kunstgeschichte, de­nen sich Freitas zuwandte. Gerda Lepkes mit schnellem Strich gemalte blaue „Landschaft“ von 1985 deutet die Wegrichtung an, in die die von ihr mitgegründete Dresdner Sezession 89 in der Wendezeit schritt: radikal zeitgenössische Kunst von Künstlerinnen, die am gesellschaft­lichen Umbruch mitarbeiten wollen und sich aus dem Korsett der DDR befreien. Auch sie wurden von Freitas unterstützt.

          In Deutschland nie gezeigt

          Kurz nach der Wiedervereinigung verlässt Freitas Berlin und nimmt das Konvolut, welches auf mehr als 1200 Werke an­gewachsen ist, mit nach Brasilien, wo er einen Teil der Sammlung in seinem Apart­ment in Brasilia aufbewahrt und den Rest in Kellerdepots lagert. Über Jahre ist die größte Sammlung von DDR-Kunst im Ausland nicht für das Publikum sichtbar. Doch trotz des Platzmangels in seiner Wohnung, sammelt der Diplomat weiter, erwirbt aus der Ferne weitere Ostkunstwerke. Erstmals kommen die Bilder 2005 wieder ans Licht der Öffentlichkeit, als Freitas für Ausstellungen in Brasilien die Kunstwerke ausleiht.

          In Deutschland wurde die größte Auslandssammlung hingegen dreißig Jahre nicht gezeigt. „Es hat nie Interesse be­standen“, sagt Freitas kritisch. Nach seiner Einschätzung sei auch im 31. Jahr nach dem Fall der Mauer die deutsch-deutsche Kunstgeschichte noch nicht aus­erzählt. „Die Kunst der DDR birgt viele Schätze, besonders abseits des sozialistischen Realismus“, sagt er. Die Cottbusser Schau ist deshalb ein erster Schritt, diesen Schatz zu heben und die Bilder dem Kunstdiskurs der Bundesrepublik be­reitzustellen.

          Rausch der Bilder: Die Sammlung Chagas Freitas – Kunst aus der DDR und ihre Reise nach Brasilien. Im Brandenburgischen Landesmuseum, Cottbus; bis 27. Februar. Kein Katalog.

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