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Botticellis „Beweinung“ : Christus lebt, Apoll ist tot

Die Alte Pinakothek in München hat ihren florentinischen Bestand katalogisiert und eines der berühmtesten Bilder restauriert: Wurde Botticellis Beweinung bisher missverstanden?

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          König Ludwig I. von Bayern war ein Sammler schöner Frauen, in der Natur wie im Bildnis. Als Kronprinz schlug er indes die Gelegenheit aus, das Muster eines Schönheitsidealbilds zu erwerben: eine Liebesgöttin von der Hand Sandro Botticellis. Johann Metzger, der für Ludwig als Einkäufer in Florenz tätig war, berichtete Ende 1814 an den königlichen Galerieinspektor Johann Georg von Dillis: „Ich hätte fast Lust, zur Abwechslung noch eine Venus von Botticelli in seinem kennbaren Stil zu kaufen.“ An dieser Abwechslung war Ludwig nicht gelegen. Mit Dillis teilte er die Vorstellung der nazarenischen Malergelehrten, dass der Genius der italienischen Malerei der Heilige Geist gewesen sei.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat die Alte Pinakothek einen Bestandskatalog ihrer florentinischen Gemälde erstellt, der im Deutschen Kunstverlag erschienen ist und heute vorgestellt wird. Er umfasst 56 Bilder, von denen das Museum zwei Drittel seinem königlichen Gründer verdankt. Es gibt kaum profane Sujets, das Altarbild dominiert. Am 21. September 1814 erwarb Metzger eine 1,40 Meter hohe und 2,09 Meter breite Altartafel, eine Beweinung Christi, aus dem Kanonikerstift S. Paolino. Der Verkäufer hatte als napoleonischer Kommissar ein Inventar der Klöster seines Viertels angelegt, dort dieses Bild aber nicht aufgenommen, sondern es den Kanonikern mit dem Hinweis abgekauft, sie würden es ohnehin hergeben müssen. Er hatte wohl die Handschrift Botticellis erkannt und verkaufte die Pietà für das Fünfundzwanzigfache dessen, was er den Kanonikern gezahlt hatte. Kronprinz Ludwig profitierte davon, dass der Verkäufer nicht der rechtmäßige Eigentümer war: Angebote der florentinischen Akademie und der Großherzogin von Toskana hatte er ausgeschlagen. Es gab damals im Großherzogtum schon Kulturgutschutzgesetze.

          Wie ein geschickter, gewissenhafter Arzt

          Metzger hatte zugesagt, für Ludwig keine Werke zu kaufen, die „durch die Restauration“ verdorben seien. Das „schwarze unbekannte Bild“ hatte in der Klosterapotheke über dem Kamin gehangen. Bevor es auf dem Kunstmarkt angeboten wurde, hatte der angesehene Restaurator Luigi Scotti die Rußschichten beseitigt. Im Zuge der Katalogarbeit ist Botticellis Tafel jetzt erneut restauriert worden. Am 15. Oktober wird das Gemälde zunächst für einen Tag in der Alten Pinakothek zu sehen sein. Im Zuge der Generalsanierung des Museums wird derzeit eine Neupräsentation der italienischen Renaissance vorbereitet.

          Bei einigen Erwerbungen legte Metzger selbst restauratorische Hand an. Die „Ausbesserung“, schrieb er 1817 an Ludwig, koste Zeit, da sie „zuweilen“ eher „Wiederherstellung“ sei. „So glaube ich, dass bei einer Bildersammlung unter den Angestellten ein braver Restaurator der nützlichste ist. Denn ich vergleiche ihn einem geschickten gewissenhaften fleißigen Arzt.“

          Die Glaubenszeugen rücken an den Rand

          Den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ist heute eine weltweit anerkannte Spezialklinik angegliedert, das 1937 als Reichsinstitut für Maltechnik gegründete Doerner Institut. Gemessen an Scottis Honorar, das einem Fünftel des Verkaufserlöses entsprach, sind die von der Rudolf-August-Oetker-Stiftung getragenen Kosten für die neue Restaurierung als außerordentlich günstig zu bewerten. Die Spuren der Restaurierung von 1814 sind entfernt worden. Wie Andreas Schumacher, der zuständige Sammlungsleiter, im Gespräch erläutert, ist die Entscheidung durchaus diskussionswürdig, im Lichte etwa der Bedenken, die Frank Zöllner in dieser Zeitung an die Restaurierung von Leonardos „Anbetung der Könige“ in Florenz geknüpft hat. Scottis vom klassizistischen Zeitgeschmack geleitete Aufarbeitung ist Teil der Geschichte des Gemäldes und hat das Bild des Bildes, wie jetzt die Münchner Untersuchungen belegen konnten, in wesentlichen Einzelheiten geprägt. Die technischen Methoden, betont Schumacher, sind heute aber so verfeinert, dass sich die späteren Schichten eindeutig identifizieren und ohne Beschädigung entfernen ließen. An vereinzelten Stellen konnte der Urzustand nicht wiederhergestellt werden; dort war Scotti zu tief eingedrungen.

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