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Tempel in Java : Hollywoodgesichter im Morgengrauen

Relief an der Basis des Tempels Borobudur in Java, Indonesien Bild: Paul Ingendaay

Eine gigantische Sammlung von Einzelfällen und individuellen Schicksalen: Erinnerung an die erstaunlichen Begegnungen bei einem Besuch des mehr als tausend Jahre alten Tempels von Borobudur auf Java.

          3 Min.

          Manche dieser Gesichter sehen aus wie die von Schlafenden; andere zeigen Erstaunen, Ergebenheit, Schmerz, Aufmerksamkeit, innere Sammlung. Wieder andere wirken wie Totenmasken, weil der Stein, aus dem sie geschlagen wurden, mehr als tausend Jahre alt ist und nicht nur durch die rauhe, schrundige Oberfläche an die Dialektik von Zerstören und Überdauern denken lässt. Und doch könnte es Augenblicke geben, in denen uns diese Züge an Freunde oder Bekannte erinnern, die wir vor kurzem noch gesehen haben. Oder an Menschen, die wir gern einmal kennenlernen würden. Oder auch an den großen Charles Laughton in dem Film „Zeugin der Anklage“. Man möchte ihm fast eine Zigarre anbieten.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Als ich diese Gesichter vor einigen Monaten sah, hatte ich schon ein paar frühe Morgenstunden, seit kurz vor Sonnenaufgang, auf den oberen Stufen des berühmten Tempels von Borobudur in Java, Indonesien, zugebracht. Fast ausschließlich westliche Besucher wollen das erste Licht, das über den aktiven Vulkan Merapi emporkriecht, miterleben. Sie kommen noch bei Dunkelheit mit Bussen oder Taxis aus der fünfundzwanzig Kilometer entfernten Stadt Yogyakarta, dem kulturellen Zentrum Javas, und haben dafür eine kurze Nacht in Kauf genommen. Ausgestattet mit einem teuren Touristenticket und Taschenlampen, dürfen sie sich vor Sonnenaufgang überall auf der zehnstufigen Pyramide verteilen und die beste Perspektive zum Fotografieren suchen. Natürlich wollen alle nach oben, auf den höchsten Punkt. Dann warten sie, neben sich Rucksack und Wasserflasche. Und je näher das Licht an den Horizont heranrückt und das erste fahle Gelb über den Rand wirft, desto stiller werden sie.

          Auf zehn Stufen die Kämpfe des Lebens

          Es war schön, den meist jungen Menschen beim Warten zuzuschauen. Hier und da wurde gesprochen, aber leise, als spürten die Besucher nicht nur das Alter dieses einmaligen Sakralbaus, sondern auch seine sonderbare Geschichte. Als wäre ein Überschuss von religiösen Empfindungen in die alten Steine gedrungen, irgendwann versunken wie in einen sehr tiefen Schlaf, dann wiederentdeckt und der indonesischen Dschungelerde entrissen worden, geheiligt durch Dauer, wer weiß, und veredelt durch die Jahre und eine so große Masse, dass die einen von einer Million Vulkansteinen sprechen, die hier verbaut wurden, andere von zweien.

          Der Tempel, als es noch Touristen gab
          Der Tempel, als es noch Touristen gab : Bild: Paul Ingendaay

          Das Wunder von Borobudur ist schnell erzählt. Erbaut im neunten Jahrhundert, als Mischung aus indonesischem Vorfahrenkult und Monumentaldarstellung des buddhistischen Wegs zum Nirwana, wurde der Tempelhügel irgendwann aufgegeben, dann von Lava verschüttet und von der feuchten Vegetation überwuchert. So geriet er fünf- oder sechshundert Jahre lang in Vergessenheit. Erst 1814 ließ der britische Gouverneur von Java nach dem versunkenen Tempel forschen. Es folgten Ausgrabungen, Plünderungen und halbherzige Versuche der Konservierung. Erst das zwanzigste Jahrhundert schaffte es, die Anlage vollständig freizulegen und in mehreren Restaurierungsschritten wieder zusammenzusetzen. Nachdem Borobudur 1991 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt worden war, entfaltete sich ein reger Tourismus aus dem In- und Ausland; heute ist der Ort das meistbesuchte Monument Indonesiens.

          Auge in Auge mit der Figur

          Und wie alle bedeutenden Monumente wird es in Beschlag genommen, umlagert, umfläzt und fotografiert. Was aber die meisten jungen Touristen an diesem Morgen nicht wissen: Eigentlich müsste man ganz unten an der Basis anfangen und sich auf der Ostseite durch Treppen und Gänge langsam den Tempel hinaufarbeiten. Denn das Bauwerk mit einer Grundfläche von 120 Metern im Quadrat erzählt auf seinen zehn Stufen und in mehr als 2600 Reliefs von den Kämpfen des Lebens – Lust und Tod, Ehrgeiz, Diebstahl, Mord und anderes, was einem das Gefühl gibt, die menschliche Existenz sei schon immer als großer Kriminalroman gelesen worden – und anschließend von der Geschichte Buddhas selbst und dem Weg zur Vollkommenheit. Weiter oben, dort, wo sich zum Sonnenaufgang alle versammeln, stehen Hunderte Schreine mit großteils beschädigten Buddhafiguren. Und auf der allerobersten Stufe eine Stupa (der Halbrund-Bau ist ein Symbol für die Lehre selbst) mit dem größten Buddha der ganzen Anlage.

          Charles Laughton im Stein
          Charles Laughton im Stein : Bild: Paul Ingendaay

          Wer den Tempel in Auftrag gab, wissen wir nicht; es existieren weder Pläne noch Erwähnungen in alten Quellen. Wer etwas vom Buddhismus versteht, könnte sich viele Stunden in die Reliefs versenken, doch eine schlüssige Totalgeschichte ist laut Experten kaum noch daraus zu gewinnen. Denn viele Teile sind verloren; andere liegen in Museen. Wieder andere wurden so rekonstruiert, dass irgendwie ein Ganzes entstand, ohne dass es makellos zueinander passen würde.

          Genau das aber, die gigantische Sammlung von Einzelfällen und individuellen Schicksalen, ist für den Buddhismus-Banausen die Chance. Befreit von der Bürde des narrativen Zusammenhangs, kann er den Figuren Auge in Auge gegenübertreten, wie er es in einem beliebigen Skulpturenpark tun würde, und den verwitterten Stein auf Botschaften hin entziffern, die niemand außer ihm je im Sinn hatte. Darunter eben auch Charles Laughton und die fehlende Zigarre.

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