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500 Jahre Tropfstein im Museum : Die Ewigkeit des Provisoriums

Der Herr des Tropfsteins Bogomir Ecker in der von ihm kuratierten Ausstellung „Futura“ vor Attila Csörgős Werk „How to construct an orange?“ - je komplexer das vom Luftstrahl bewegte System ist, desto langsamer wird es.
Der Herr des Tropfsteins Bogomir Ecker in der von ihm kuratierten Ausstellung „Futura“ vor Attila Csörgős Werk „How to construct an orange?“ - je komplexer das vom Luftstrahl bewegte System ist, desto langsamer wird es. : Bild: dpa

Meditativ entschleunigt kann man dem originalen Tropfstein in einem eigenen Raum im lichtlosen Sockelgeschoss hinter einer Glasscheibe beim Wachsen zusehen. Der gesamte Raum ist mit Ewigkeitsmaterialien auf fünfhundert Jahren Laufzeit ausgelegt. Aus rostfreien Leitungen sickert das Wasser bereits nach nur fünfundzwanzig Jahren sichtbar als Winz-Stalaktit nach unten, während die Tropfen dort auf einer Marmorplatte aufprallen und zerstieben, sodass der Stalagmit flacher und durch Kupferoxide grün verfärbt ist. Warum aber die übermenschliche Zeit von fünfhundert Jahren? Hier wurde schlicht eine Geste zur Form und zum Skulptur-Raum die Zeit: Ecker deutete einem Geologen gegenüber mit einer Handspanne die fünf Zentimeter an, die er als Länge des Werks erzielen wolle, und fragte nach der dafür wahrscheinlich erforderlichen Zeitspanne. Im Jahr 2496 also wird die Maschine abgestellt.

In Deutschland braucht bekanntlich alles einen gültigen Vertrag – und einen Verein. Ersteres existiert für den Künstler bis heute nicht, denn kein Museums­anwalt der Welt hätte das für ein halbes Jahrtausend verbürgt, Zweiteres schon. Die Mitgliedschaft im den Unterhalt finanzierenden Verein „Tropfstein e.V.“ darf und soll vererbt werden.

Vor allem aber stellte sich bei lebendigen Diskussionen dieses Wochenende in der Kunsthalle mit dem jetzigen und einem ehemaligen Direktor, der Eckers Werk 1996 einweihte, mit Juristen und Kunstreferenten die berechtigte Frage: Kann ein Museum als Institution dieses Versprechen einer Zukunft seriös gewährleisten? Was wäre in einem – hoffentlich nie eintretenden – Kriegsfall? Von der Haager Konvention würde der Tropfstein wie auch die anderen fest in der Kunsthalle verankerten Werke jedenfalls nicht vor Zerstörung bewahrt – er ist nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt und dürfte im Kriegsfall bebombt werden. Auch verkauft werden kann alles. Die sogenannte Deakquisition von Werken ist – anders als etwa in amerikanischen Museen, wo sie fast alltägliches Geschäft ist – in deutschen Häusern zwar verpönt, wurde und wird aber praktiziert.

Die konkreteste Gefahr droht Kunstwerken aktuell ironischerweise durch politisches Nichtgefallen. Denkt man an vollzogene Abhängungen (etwa „Hylas und die Nymphen“ von John Waterhouse in Manchesters Gemäldegalerie) oder woke und bewusst falsch verstehende Anfeindungen (Georg Herolds „Ziegelneger“ im Städel), kann es zum Äußersten kommen, wenn Künstler (weißer Mann von 71 Jahren) oder Werk (die phallische Form!) zukünftig in Ungnade fielen. Ecker bleibt gelassen: Tür zu, den Tropfsteinraum zugemauert – der Stalaktit wüchse weiter. Freilich ungesehen – wäre es dann noch ein Kunstwerk oder eine Naturalie wie in Wunderkammern? Ecker stellt mit seinem vor sich hin wachsenden Stein hoch philosophische, letzte Fragen.

Astronomische Zeit: Eine Frau schaut sich die 26 Quadratmeter große Sternenkarte auf 192 Glasplatten „Prototyp zur Rückführung von Himmelskörpern" von Daniel Janik in der Ausstellung „Futura“ an.
Astronomische Zeit: Eine Frau schaut sich die 26 Quadratmeter große Sternenkarte auf 192 Glasplatten „Prototyp zur Rückführung von Himmelskörpern" von Daniel Janik in der Ausstellung „Futura“ an. : Bild: dpa

Zusätzlich zur fest installierten Tropfsteinmaschine hat Ecker mit der Kuratorin Brigitte Kölle ein riesiges Bildtableau und viele Zeit veranschaulichende Kunstwerke arrangiert. Das Tableau ist eine doppelte Hommage, einmal an den Hamburger Vater der Kulturwissenschaft Aby Warburg, der vor hundert Jahren in seinem „Mnemosyne-Atlas“ bildassoziativ Fotos von Kunstwerken mit Briefmarkenmotiven und Reklamebildern zusammenführte, genauso, wie Ecker aus seinem Archiv Allegorien von Zeit versammelte. Die einzige Uhr als naheliegendes Symbol bildet die zweite Hommage, diesmal an den vorzeitig verstorbenen Kollegen Félix González-Torres: Mit der doppeldeutigen Datierung „1987-1990“ und unter dem Titel „Perfect Lovers“ hängen zwei baugleiche Uhren nebeneinander, die im großen Maßstab, namentlich jenem der Stunden und Minuten, dieselbe Uhrzeit zeigen, jedoch auf Sekundenebene divergieren. Astronomisch dagegen sind die zeitlichen Dimensionen, welche die ebenfalls im Bildatlas zu sehenden Eisenmeteorite „speichern“, die bisweilen älter als die Erde sind. Oder die Bilder vom Atomendlager Gorleben, in denen die radioaktiven Stoffe noch Jahrmillionen zum Abklingen benötigen – Zeit, die nicht vergehen will.

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