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Titus Kaphar im Interview : Die Form folgt der Folterung

  • -Aktualisiert am

Titus Kaphar, Jesus Noir, 2020, oil on canvas, duct tape Bild: Titus Kaphar/Maruani Mercier

Titus Kaphar gilt in den Vereinigten Staaten als zentraler Künstler der „Black Lives Matter“-Bewegung. In der Gesù-Kirche in Brüssel trifft seine Kunst auf zwei ihrer Quellen: Religion und Europa.

          3 Min.

          2017 haben Sie Ihrem Gemälde „Shifting the Gaze“ vor Publikum den letzten Schliff gegeben. Eigentlich handelte es sich um eine penible Kopie von Frans Hals’ „Familie in einer Landschaft“ – zumindest, bis Sie über die weißen Gesichter der Familie malten und so den Blick auf den schwarzen Diener lenkten. Dann verkündeten Sie, dass die Farbe dank eines Öls transparent werde und auch die weißen Gesichter langsam zurückkehren. Ähnlich einem Zauberer, der erklärt: Niemand ist hier zu Schaden gekommen. Was ist Ihnen beim Lenken des Blicks wichtiger, der Akt oder das Resultat?

          Vielleicht führt es zu einer Antwort, was ich nach dieser Performance erlebt habe. Die versteckten Figuren im Hintergrund sind oft das Erste, was ich sehe. Ich habe trainiert, sie zu finden, und ich identifiziere mich auch mit ihnen. Doch nach der Show kamen mehrere weiße Leute zu mir und sagten: „Ich habe die schwarze Figur nicht einmal wahrgenommen, bevor Sie die anderen übermalten.“ Das war auch für mich ein Schock. Ich schätze, die Antwort auf Ihre Frage ist für das Publikum also eine andere als für mich. Mir ist das Übermalen der Weißen eher eine Zeremonie und ein Ritual, weil ich die Figuren im Schatten schon von Natur aus sehen kann.

          Sie knüllen und zerschneiden Ihre Bilder, nähen sie wieder zusammen. Obendrein kommen Teer, Nägel oder Fesseln zum Einsatz. Als eine „Folterung des Gemäldes“, die Sie einem Gemälde über Folter vorziehen würden, haben Sie das beschrieben. Was gesteht das Bild denn unter Ihren Händen?

          Es handelt sich wirklich um eine Art Verhör, in dem mir die Bilder von Künstlern aus früheren Zeiten verraten, wie sogar ihre Komposition der Aufrechterhaltung von Rassenhierarchien dient. Die schwarzen Figuren auf der linken oder rechten Seite vergöttern meist pflichtbewusst die europäischen Figuren in der Mitte. Einerseits verleiht ihre Präsenz den Auftraggebern der Bilder Autorität. Gleichzeitig sind sie aber für die Komposition, Struktur und Balance essentiell.

          Die Form folgt der Funktion?

          Das ist das größte und das ironischste Geständnis der Bilder. Wenn die schwarzen Diener auch nicht als Menschen geschätzt wurden, so doch für ihre entscheidende Funktion. Nähme man sie weg, geriete das gesamte Gemälde aus dem Gleichgewicht.

          Titus Kaphar
          Titus Kaphar : Bild: Christian Hogsted

          Jetzt habe ich Sie als Unruhestifter vorgestellt. Dabei ist Ihre Philosophie, man solle die Vergangenheit nur „ergänzen, nicht auslöschen“, doch eher eine gefällige und mehrheitsfähige. Oder?

          Mag sein. Zumindest in meiner Heimat Amerika ist das gerade mehrheitsfähig. Doch die Diskussion über Denkmalstürze, wie sie hier geführt wurde, war binär: „Weg damit oder beibehalten.“ Sie war von Verlustängsten geprägt, ohne Nuancen und ohne den Einbezug von Künstlern. Der wahre revolutionäre Schritt wäre es, die alten Statuen von ihrem sprichwörtlichen Podest zu holen und ihnen neue Werke zur Seite zu stellen, um neue Künstler in die Konversation einzuführen: „Das ist die Vergangenheit und das daneben die Gegenwart, die in Richtung einer gemeinsamen Zukunft weist.“

          Gegenwart und Vergangenheit in einem: So, wie Sie dem Internet die Polizeifotos schwarzer Häftlinge entnehmen, um sie als byzantinische Heilige zu malen? Ist das eine Kritik religiöser Ikonographie?

          Keine Kritik, ganz im Gegenteil. Ich stamme von einer langen Linie zutiefst frommer Christen ab. Ich selbst praktiziere zwar nicht, aber ich würde die Kirche weder kritisieren noch verteidigen. Das ist besonders wichtig, wenn wir über eine Ausstellung sprechen, die in einer ehemaligen Kirche in Brüssel stattfinden wird.

          Wem statten Sie in Europa einen Besuch ab? Sie haben sich Ihr Handwerk bei den Alten Meistern der Renaissance abgeschaut. Jetzt verwenden Sie deren Tricks gegen sie.

          Es gibt nichts, das ich mehr verehre als die westliche Malerei. Mit all ihren Konflikten, Rassismen und Herausforderungen. Daher kommt mein „Ergänzen, nicht Auslöschen“. Ich kann ja nicht bestreiten, dass ich, wenn ich vor einem Rubens stehe, in eine andere Welt transportiert werde und dass, wenn ich vor einem Velázquez stehe, mein Geist erhoben wird. Da ist in meiner Arbeit also immer diese Dualität. Oder extremer formuliert: diese Hassliebe, die ich zu einer Kunstgeschichte spüre, die sich überhaupt nicht um mich und meinesgleichen zu scheren scheint. Ich nutze trotzdem jede Gelegenheit, um sie mit eigenen Augen zu sehen.

           Titus Kaphar, Ascension III, 2020, oil on canvas
          Titus Kaphar, Ascension III, 2020, oil on canvas : Bild: Titus Kaphar/Maruani Mercier

          Und Sie werden selbst gewissermaßen zum Alten Meister. In Ihrem Inkubator in New Haven lernen Schüler von Kunststudenten, die ihrerseits das Netzwerk gebrauchen können. Was ist ein Geheimnis der Kunstwelt, das Sie mit dem Nachwuchs teilen?

          Es gibt immer andere Menschen, die dich beim Aufstieg als Künstler unterstützen und an die du dich später erinnern musst. Ich glaube, das wäre das Wichtigste, das man predigen müsste: Wer erfolgreich ist, steht in der Verantwortung, andere mit nach oben zu bringen. Ich hatte mit der Kunstwelt zu kämpfen und fühle mich dort bis heute eher wie ein Besucher. Schon in Ordnung, mir geht es deshalb nicht irgendwie schlecht oder so. Ich liebe mein Zuhause in New Haven und fühle dort die Verpflichtung gegenüber anderen Künstlern.

          Was muss man wissen, um schwarze Haut zu malen? Was ist mit der Farbe?

          Die Sache ist, wie viele andere Farben man mischen muss und wie viele Versionen von schwarzer Haut es auf der Welt gibt. Sie werden Violett brauchen, auch ein wenig Karmesin. Sie werden Persische Rose brauchen, Sie werden Gelben Ocker brauchen, Sie werden Rote Umbra wie auch Gebrannte Umbra brauchen. Und, in manchen Fällen, sogar ein kleines bisschen Weiß. Es ist wirklich komplex und wenig bekannt, wie schwarze Haut das Licht reflektiert. Wenn man es aber richtig anstellt, gibt es die Möglichkeit, dass sie von innen nach außen mit dem Weiß zusammenwirkt.

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