https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/bilder-des-fotokuenstlers-michael-ruetz-in-berlin-13028041.html

Fotokünstler Michael Ruetz : Bilder wie Fenster in die Ewigkeit

Über 20 Jahre lang hat Michael Ruetz die umliegende Landschaft vom Balkon seines Hauses in Chiemgau aus fotografiert. Seine Aufnahmen beobachten in eindrucksvoller Weise das Vergehen der Zeit. Jetzt sind sie in Berlin zu sehen.

          2 Min.

          Auf einmal ist sie da: die Zeit. Aber sie hat sich versteckt. Sie steckt in den Blitzen, die über die Spitzen der Berge zucken, Dutzende gewundene Adern aus Licht, die Bilanz einer langen Gewitternacht. In dem Christbaum, der im Schnee vor der Tür des Bauernhauses steht, in den verpackten Heuballen hinter der Scheune. In dem Teich, der plötzlich aufglänzt, dem Regenbogen, der wie ertrunken zwischen schwarzen Wolken hängt. Im Geäst der Bäume, im wechselnden Grün der Wiesen. Und in den Silvesterraketen, deren Silberschweife reglos über der Landschaft stehen, ein Spinnennetz aus Feuerwerk, gewoben in der letzten Nacht des alten Jahrtausends.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fast ein Vierteljahrhundert lang, von 1989 bis 2012, hat Michael Ruetz die bayerische Landschaft vor dem Balkon seines Hauses im Chiemgau fotografiert. Es ist das längste und ehrgeizigste der Projekte, mit denen Ruetz seit den achtziger Jahren das Vergehen der Zeit mit der Kamera beobachtet, neben den Bilderserien, die er im selben Zeitraum in seiner Heimatstadt Berlin aufgenommen hat. Aber während die Berlin-Fotos wie im Zeitraffer den dramatischen Wandel im Erscheinungsbild der wiedervereinigten Metropole festhalten, wirken Ruetz’ Aufnahmen aus dem Voralpenland wie Fenster in die Ewigkeit.

          Jahr für Jahr bleibt die Landschaft vor dem Kameraauge die gleiche – links der Chiemsee, rechts in der Ferne die Umrisse von Schloss Hohenaschau, im Vordergrund Felder, Gehöfte, Straßen, ein Dorf, dahinter die gezackte Kette der Alpengipfel. „Eye on Infinity“ hieß der schwarzweiße Fotoband, in dem Ruetz vor sechs Jahren gut hundert seiner Bilder aus Oberbayern zusammenfasste. Und doch ereignet sich auch hier, im Herzen der Stille, Geschichte. Nicht die laute, hysterische der Politik, Industrie und Medienwelt, sondern die Geschichte des ländlichen Alltags, des Wetters, der Jahreszeiten, der Pflanzen und Steine.

          Man sieht es in den einundsechzig Farbabzügen, die das Berliner Museum für Fotografie jetzt ausstellt: Auch auf der Naturbühne wird Theater gespielt. Da hängen Unwetterfronten wie schwarze Deckel über der kochenden Regensuppe. Oder die Morgenröte malt einen Archipel aus Wolkeninseln an den Himmel. Nebelbänke schlummern zwischen den Hügeln wie eine Schafherde, und der Rauhreif verwandelt die Bäume in Zuckerzeug. Nichts passiert, was in den Nachrichten gemeldet werden müsste, und doch wünschte man sich, ein Peter Handke könnte dies alles sehen, um noch einmal „Die Stunde der wahren Empfindung“ zu schreiben.

          Der magische Stoff, der das Vergehen der Zeit in den Dingen sichtbar macht, ist das Licht. Mehr als über alles andere denke er über Lichtvaleurs, über Grade von Helligkeit und Dunkelheit nach, sagte Ruetz bei der Pressekonferenz zur Berliner Ausstellung. Durch manchmal stundenlange, manchmal sekundenkurze Belichtungszeiten luchst er der Landschaft ihre Geheimnisse ab. Der Mond ist bei Ruetz keine Kugel, sondern ein weißer Balken am Nachthimmel. Die Autos auf den Straßen lösen sich in die Lichtspuren ihrer Scheinwerfer auf.

          Die Lampen der Skilifte an den Berghängen werden zu Leuchtfeuern. Ruetz vergleicht seine Bilder mit Monets Ansichten der Kathedrale von Rouen. Daran ist wahr, dass er wie der Impressionist die Grenze zur Abstraktion berührt. Was man sieht, ist gerade noch real genug, um die Augen durch Schönheit zu betören. Seine liebste Jahreszeit, sagt Ruetz, sei der Winter, weil der Schnee alle Formen kläre. Jetzt haben die Bäume seines Gartens ihren großen Auftritt, während die Landschaft dahinter im Nebel versinkt. Der größte Zaubertrick des Lichts besteht darin, dass es die Dinge selbst zum Verschwinden bringt.

          Bilder machen, das heiße, eine Skulptur aus Zeit zu formen, hat der russische Filmregisseur Andrej Tarkowski geschrieben. Bisher dachte man, das funktioniert nur im Kino. Die Landschaften von Michael Ruetz beweisen, dass auch eine Fotografie eine Zeitskulptur sein kann.

          Die Ausstellung

          Michael Ruetz: Die absolute Landschaft. Museum für Fotografie Berlin; bis 5. Oktober. Kein Katalog.

          Weitere Themen

          Kampf ums Wasser

          FAZ Plus Artikel: Dürre in den USA : Kampf ums Wasser

          Der Südwesten Amerikas leidet seit Jahren unter einer Dürre, die Millionen Menschen betrifft. Sie alle sind vom Colorado River abhängig, der die Stauseen nicht mehr füllen kann. Landwirte fürchten um ihre Existenz, ganze Städte müssen sich umstellen. Wie Wasser gespart wird, zeigt Las Vegas.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.