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Biennale der Fotografie : Kein Bild ist eine Insel

Die „Biennale für aktuelle Fotografie“ in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen versteht sich als Rettungsring in der Bilderflut der digitalisierten Welt.

          4 Min.

          Was ist Fotografie? Da stellen wir uns mal ganz dumm. Fotografie, das ist ein großer schwarzer Raum, der hat zwei Löcher, nicht anders als die Dampfmaschine in der „Feuerzangenbowle“. In das eine kommt Licht hinein, aus dem anderen kommt ein Bild heraus. Das ist die technische Seite. Oder war es zumindest lange Zeit. Aus der Perspektive des künstlerischen Anspruchs stellt es sich ein wenig komplizierter dar. Dann könnte man die Welt als Marmorblock betrachten und den Fotografen als einen Bildhauer, der all das abschlägt, was nicht seiner Vision und Absicht entspricht, bis er am Ende einen nackten David freigelegt hat oder die geflügelte Nike. So entstehen Meisterwerke.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Wer sich heute mit Fotografie beschäftigt, der muss nach beidem lange suchen. Nach dem Bild, wenn man darunter den haptisch erlebbaren Papierabzug meint, ebenso wie nach dem David oder der Nike als Sinnbild für klassische Schönheit oder ästhetische Perfektion. Fotografie gleicht heute vielmehr den Millionen von Splittern und Splitterchen, die der Bildhauer am Abend auf dem Boden seines Ateliers zusammenkehrt. Eine Masse an Material, zufällig entstanden, im Takt von Tausendstelsekunden aus dem Marmorblock des Lebens gehämmert und dann hingeworfen auf einen Haufen weiterer Splitter, der wächst und wächst und allmählich unter sich begräbt, was ursprünglich hervorgeholt werden sollte. Wer braucht das noch?

          Funktionsweise von Fotografie heute

          „Farewell Photography“ ist das Fotofestival in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg überschrieben, das nunmehr zum siebten Mal stattfindet, aber sich zum ersten Mal „Biennale für aktuelle Fotografie“ nennt. Ein Kuratorenteam unter der Federführung von Florian Ebner und Christin Müller hat dafür acht Ausstellungen an sieben Orten erarbeitet. Davids und Nikes sind auch zu sehen, hier Arbeiten von Floris Neusüss und Étienne-Jules Marey, dort von Helmar Lerski und Jürgen Klauke, doch insgesamt sind es nur wenige. Denn nichts lag den Ausstellungsmachern ferner als eine weitere Musealisierung des Mediums. Vielmehr untersuchen sie die Rolle und Funktionsweise von Fotografie heute. Dabei scheinen Fragen der Gesellschaftskunde mitunter die der Kunstgeschichte zu verdrängen, wenn Motive aus den sozialen Medien metergroß aufgeblasen an den Wänden hängen. Und dort, wo die Bilder der größten Nachrichtenagenturen im Sekundenrhythmus über Bildschirme flackern, weicht jegliche Historisierung der aktuellen Politik und Weltlage. Dennoch versteht sich die Biennale als Kunstschau. Und es begreifen sich die Urheber der Arbeiten und Installationen auch dann als Künstler, wenn sie die Motive der Bilder nicht selbst geschaffen haben – was häufig der Fall ist und die Frage von Autorenschaft immer wieder aufwirft.

          „Keine neuen Bilder, bis die alten aufgebraucht sind“, hatte der Bildersammler Joachim Schmid in Anlehnung an ein gängiges Atombombengraffiti der Sponti-Szene schon 1987 gefordert. Jetzt legt er in der Mannheimer Ausstellung „Kein Bild ist eine Insel“ mit „Other People’s Pictures“ eine sechsundneunzigbändige Bildenzyklopädie vor, lauter Fotobände zu jeweils einem Hashtag-Stichwort bei Instagram – von „Airline Meals“ über „Hotel Room“ bis „You are here“. Die Bücher liegen in einer Reihe auf einem schier unendlichen langen Regalbrett. Statt auf die Unübersichtlichkeit der täglichen Bilderflut mit weiteren Bildern zu reagieren, wird der Künstler gewissermaßen zum Filter. Die Welt ist wieder sortiert, und wer sich durch all die Bücher blättert, der erhält einen überzeugenden Querschnitt dessen, womit Menschen sich in den sozialen Medien beschäftigen. Was freilich fehlt, ist das Moment der Massenkommunikation, denn die Bilder richteten sich ja gerade nicht an einen Betrachter, sondern an die ganze Welt. Kim Kardashians täglicher Fotoblog zählt immerhin 103 Millionen Abonnenten. Eines der aktuellen Bilder ihrer auffälligen Rundungen, hingestreckt an einem Pool, bringt es auf knapp anderthalb Millionen Herzchen ihrer Fans sowie fast vierzehntausend Kommentare, unter denen sich auch die Vokabel „Inspiration“ findet. So spiegelt man sich selbst im Narzissmus des Betrachteten – Ertrinken bei Nachahmung nicht ausgeschlossen.

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