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„Beyond the Black Atlantic“ : Die Nichtbeachtung der schwarzen Kultur

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Cyborgs oder Menschen? Sandra Mujinga steht in ihrer Installation „Nocturnal Kinship (the Costumes)“ aus dem Jahr 2018 Bild: dpa

Für einen fluiden Kulturbegriff, losgelöst von Ethnie und Nation: In Hannover beschäftigen sich vier junge Künstler afrikanischer Herkunft mit ihrer Vergangenheit, Identität und Sexualität.

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          Der britische Soziologe Paul Gilroy beschrieb den Begriff des „Black Atlantic“, den er in den neunziger Jahren selbst geprägt hat, bildlich mit einem Schiff. Demnach bewegt es sich vom afrikanischen Kontinent weg und wieder zurück, dockt auf dem Weg an der Karibik an, der nordamerikanischen Ostküste, an Großbritannien. Was entstand, so Gilroy, ist eine panafrikanische Kultur, geprägt von einem Zusammenspiel aus Resistenz und Kunst entlang der Route des transatlantischen Sklavenhandels. Gilroy kritisiert mit seiner Theorie des „Schwarzen Atlantiks“ die systematische Nichtbeachtung der schwarzen Kultur in den westlich geprägten Kulturwissenschaften und die von ihr ausgehenden Einflüsse auf die Moderne. Der Beitrag schwarzer Intellektueller und Künstler zur westlichen Moderne sei verkannt. Er fordert einen fluiden Kulturbegriff, losgelöst von Ethnie und Nation.

          In der von Sergey Harutoonian kuratierten Ausstellung im Kunstverein Hannover setzen sich vier junge Künstler der afrikanischen Diaspora mit Themen wie Herkunft und Vergangenheit, Identität und Sexualität auseinander. Sandra Mujinga (Norwegen), Paulo Nazareth (Brasilien), Tschabalala Self (Vereinigte Staaten) und Kemang Wa Lehulere (Südafrika) haben alle Wurzeln auf dem afrikanischen Kontinent. Bei einigen liegen viele Generationen dazwischen, andere sind dort geboren und aufgewachsen.

          Ähnlich absurd, doch nicht so beklemmend

          Der Begriff des Black Atlantic ist in der Schau nicht vordergründig, vielmehr scheint er als Impulsgeber zu dienen. Auch während des Künstlergesprächs am Abend der Eröffnung mit Mujinga und Self wird deutlich: Die beiden fürchten auf das „Black“ im Begriff des Black Atlantic reduziert zu werden. Dennoch ist man, nicht zuletzt unter diesem Titel, geneigt, ihre Kunst im postkolonialen Kontext zu betrachten.

          Die Gemälde der 1990 in Harlem geborenen Künstlerin Tschabalala Self sind gewiss der Höhepunkt dieser Schau. Leinwände, teils mit Acryl- und Vinylfarbe, teils mit Nähten aufgetragene Stoffe, etwa aus Samt oder mit Leopardenmuster, zeigen verfremdete, meist weibliche Körper. Dabei werden bestimmte Körperteile, wie die Beine und das Gesäß, überproportional dargestellt. Es entsteht eine hypersexualisierte Darstellung der Körper. Self, die Tochter einer Näherin, berichtet, die Gemälde seien auch das Ergebnis der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Körper. Der schwarze weibliche Körper sei besonders „politisiert“. Ihre Bilder beschreibt sie als Avatare, also visuelle Figuren im Cyberspace, die sie tanzend und ineinander verschlungen, wie beispielsweise in „Big Toe“ von 2019, darstellt. Die überproportionalen Beine finden sich wieder in einer Installation, die aus mehreren aus Plexiglas geschnittenen Beinpaaren besteht („Knock Knee“, 2019), und auch in den Silhouetten ihrer Bilder als Wandbemalungen.

          „Big Toe“, Tschabalala Self (2019), Privatsammlung
          „Big Toe“, Tschabalala Self (2019), Privatsammlung : Bild: Kunstverein Hannover

          Man ist geneigt, Selfs Werk vor dem Hintergrund der Texte der Literaturwissenschaftlerin und Vertreterin des „Black Feminist Thought“, Hortense Spillers, zu betrachten. In den achtziger Jahren prägt Spillers den Begriff des „gefangenen Körpers“ im Kontext des Sklavenhandels und beschäftigt sich insbesondere mit dem hypersexualisierten weiblichen schwarzen Körper. Die Titel von Selfs Werken und die verfremdeten Gesichter erinnern an die enthumanisierende und entstellende Praxis der Sklavenhalter, den Sklavinnen andere Namen zu geben. Die Titel „Daydream“ (2015), „From Afar“ (2019) oder „Leotard“ (2019) erwecken Assoziationen mit diesen oft exotischen Namen, auf die Spillers in einem Schlüsseltext „Mama’s Baby, Papa’s Maybe“ (1987) hinweist. Die entstellten Gesichter und Körper hingegen sind vergleichbar mit denen des Malers Francis Bacon – ähnlich absurd, durch die Farbenvielfalt aber bei weitem nicht so beklemmend.

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