https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/besuch-in-banksys-dismaland-in-weston-super-mare-13800925.html

Besuch in Banksys „Dismaland“ : Noch einmal kalte Pommes essen

Wenn jeden Tag Sonntag wäre: Der britische Künstler Banksy führt in seinem „Dismaland“ die Genusssucht witzig und clever ad absurdum. Das Trübsalland lockt zahlreiche Besucher an. Ein Vergnügungsversuch.

          5 Min.

          Das klimatisch nicht verwöhnte Britannien hat der Tristesse des verregneten Seebads einen besonderen Platz in der kollektiven Erinnerung eingeräumt, nicht zuletzt weil der Strandurlaub Erwachsene in ihre Kindertage zurückversetzt. Es hat sich sogar eine Art von Nostalgie eingestellt für die Schrecklichkeit der populären Küstenorte, deren Kultur in eduardianischen Musichall-Chansons, in „Kitchen-Sink“-Filmen sowie in Popsongs Niederschlag gefunden hat. „Jeder Tag ist wie Sonntag“, besang Morrissey die Ödnis der grauen Ferien in der Küstenstadt, „die sie zu schließen vergessen haben“. Die kitschig-bunten Lichter des Piers, die Eisdielen, Varieté-Theater, Spielarkaden und Rummelplätze entlang der Promenade, die sich im Wind blähenden Liegestühle, die Eselsritte, das Kasperletheater und was sonst noch alles zur grellen Kultur des britischen Seebades gehört, wirken auf die Erinnerung vieler Briten wie die Madeleine bei Proust.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als das Baden im Freien im späten achtzehnten Jahrhundert in Mode kam, waren die Kurorte an der See vor allem auf die vornehme Gesellschaft eingestellt, die sich den Genuss der neugepriesenen Heilkraft des Meeres leisten konnte. Mit dem Ausbau der Eisenbahn und der Einführung von sozialeren Arbeitsstunden entwickelten sich die Erholungsorte im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts zum jahrmarktähnlichen Freizeitparadies von Fabrikarbeitern und Angestellten. Weston-super-Mare in der Mündungsbucht des Severn, das beliebte Ferienziel für die Arbeiter aus Südwales und dem knapp dreißig Kilometer entfernten Bristol, gehörte zu den an die zweihundert Gemeinden, die sich in den dreißiger Jahren ein aufwendiges „Lido“ leisteten, wie die von modernistisch-utopischen Vorstellungen getragenen Freibäder hießen. In dem italienischen Wort für einen Badestrand findet die Sehnsucht des nordischen Stadtbewohners nach Sonne und südländischer Ferienstimmung Ausdruck, die das britische Seebad für die minder Bemittelten zu beschwören versuchte als Ersatz für den unerschwinglichen Auslandsurlaub.

          Rostiges Spielgerät und alte Öltonnen

          Der Billigflug hat den Küstenorten den Sauerstoff entzogen. Für den Niedergang ist das desolate Lido von Weston-super-Mare, das sich einst des größten Freibades und des höchsten Sprungbretts Europas rühmte, sinnbildlich. In den achtziger Jahren erhielt die Anlage an der Meeresfront bei einem letzten Erneuerungsversuch den von Wunschdenken getragenen Namen Tropicana. Im Jahr 2000 schlossen die Tore. Seitdem sind mehrere Bauprojekte gescheitert. Vor sechs Monaten hat Banksy durch eine Zaunlücke des mit Brettern zugenagelten Areals geschaut. In diesem Moment sei die Vision eines dystopischen Vergnügungsparks entstanden für „jene 99 Prozent“, die lieber in Alton Towers (dem bekanntesten Themenpark Britanniens) wären, wie er selbstironisch frotzelt. Es heißt, der Graffiti-Künstler, dessen Identität bis heute nicht geklärt ist, stamme aus Bristol. Dafür spricht, dass er bekennt, die ersten siebzehn Jahre seines Lebens jeden Sommer in Weston-super-Mare gewesen zu sein. Wie Morisseys „Everyday is Sunday“ wirkt Banksys „Dismaland“ - „Trübsalland“ - mit seiner Veräppelung der künstlichen Heiterkeit der Disney-Welt wie eine Mischung aus wehmütiger Erinnerung und Anklage.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Er wolle, dass jeder Mensch aus Weston-super-Mare die Gelegenheit wahrnehme, noch einmal in einer schmutzigen Pfütze zu stehen und inmitten heulender Kindern kalte Pommes zu essen, sagt Banksy. Selbst alte Chipstüten, die noch auf dem Gelände lagen, dienen als Requisiten für die Evokation eines verwahrlosten Freizeitparks, Sinnbild für eine verwahrloste Gesellschaft, deren Übel angeprangert werden. Schmollendes Personal mit Disney-Ohren und rosa Sicherheitswesten mit der Aufschrift „Dismaland“ ermahnt die Besucher, nicht zu lächeln, und treibt sie an, nicht zu lange verweilen, schließlich sei alles Mist: Die Schlangestehenden amüsieren sich derweil wie auf einem echten Jahrmarkt. Viertausend Besucher werden täglich durch die Anlage geschleust. Womöglich hat sich Banksy auch mit der Eintrittsgebühr einen Witz erlaubt. Sie beträgt drei Pfund, so viel wie die Berechtigung, an der Wahl des neuen Labour-Parteiführers teilzunehmen.

          Weitere Themen

          34 Jahre Haft für kritische Tweets

          Saudische Studentin : 34 Jahre Haft für kritische Tweets

          Saudi-Arabien hat eine junge Frau zu 34 Jahren Haft verurteilt, weil sie auf Twitter Kritik an männlicher Vormundschaft geübt hatte. Es ist die härteste Strafe, die je gegen eine Kritikerin des Regimes verhängt wurde.

          Videokunst im Beat des Lebens

          John Sanborn im ZKM : Videokunst im Beat des Lebens

          Das ZKM in Karlsruhe widmet dem amerikanischen Videokünstler John Sanborn eine Retrospektive. Sie zeigt ihn als Pionier und Meister vieler Klassen, den nun existenzielle Fragen umtreiben.

          RBB legt Bonuszahlungen offen

          Nur nicht für Schlesinger : RBB legt Bonuszahlungen offen

          Der RBB veröffentlicht die Bonuszahlungen für sein Spitzenpersonal. Bis dato wurde bestritten, dass es sie gibt beziehungsweise: Sie waren geheim. Die Zusatzverdienste sind beträchtlich. Und ein Name fehlt in der Gehaltsliste.

          Topmeldungen

          Home of the Bonuszahlungen: der Sitz des RBB an der Berliner Masurenallee.

          Nur nicht für Schlesinger : RBB legt Bonuszahlungen offen

          Der RBB veröffentlicht die Bonuszahlungen für sein Spitzenpersonal. Bis dato wurde bestritten, dass es sie gibt beziehungsweise: Sie waren geheim. Die Zusatzverdienste sind beträchtlich. Und ein Name fehlt in der Gehaltsliste.
          Kaum Überreste: Nur wenige Gebeine der Schlacht von Waterloo konnten ausgegraben werden.

          Zermalmt für Zucker : Das grausige Ende der Gefallenen von Waterloo

          Bis heute fehlen die sterblichen Überreste der mehr als 20.000 Gefallenen von Waterloo. Forscher haben nun das zweihundert Jahre alte Rätsel um ihr Schicksal offenbar gelöst. Ihr Ergebnis schlägt auf den Magen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.