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Skulpturenstadel : Wie die Kunst nach Triftern kam

Seine Skulpturen sollen in der Scheune einmal eine dauerhafte Bleibe finden: Bernd Stöcker vor einigen seiner Arbeiten Bild: Maria Irl

Der Bildhauer Bernd Stöcker macht in in der niederbayerischen Marktgemeinde Triftern aus einem ehemaligen Wirtshaus ein Kulturzentrum. Langsam, aber sicher.

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          Geschichten wie diese werden in Bayern traditionell mit dem Satz eingeleitet: „Reiß weg, des oide Glump.“ Also mit der Aufforderung, man möge die in Frage stehende Immobilie einem Abbruchbagger anvertrauen. Im vorliegenden Fall steht das Glump inmitten der Marktgemeinde Triftern im niederbayerischen Rottal – das Gasthaus Alte Post mit Kegelbahn und denkmalgeschützter Scheune. Das Haus stammt aus dem Jahr 1795, hat zwei Obergeschosse mit Fremdenzimmern. Später zog eine Arztpraxis in den ersten Stock, die Wirtsleute wohnten im zweiten Stock, lange nachdem es kein Wirtshaus mehr gab. In den Nullerjahren stand das stattliche Gebäude einige Jahre leer, es gab Interessenten, die ein Altenheim planten, aber unter Preisgabe des Stadels. Das Haus verfiel weiter. Bis der Bildhauer Bernd Stöcker vor acht Jahren vierundsiebzigtausend Euro dafür hinlegte.

          Die Scheune, in Bayern Stadel genannt, ist schon so gut wie fertig. Am 15. September wird sie eröffnet.
          Die Scheune, in Bayern Stadel genannt, ist schon so gut wie fertig. Am 15. September wird sie eröffnet. : Bild: Maria Irl
          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Stöcker würde, lebte er in Oberammergau, schon bei der Passion mitspielen dürfen. Nach fünfundzwanzig Jahren in Triftern ist er noch immer kein Indigener, aber auch kein Neubürger mehr. Stöcker, ein Hüne mit Pratzen, wie hier die Hände heißen, wenn sie größer ausfallen, ist gebürtiger Bremer und akademisch ausgebildeter Bildhauer mit berühmten Lehrern, Rückriem und Hrdlicka. Seit bald vierzig Jahren schlägt er sich erfolgreich auf der freien Künstlerwildbahn durch, am 17. August wird er siebzig. Skulpturen Stöckers stehen in Hamburg, München, Mannheim, Stuttgart und anderen deutschen Städten. Zuletzt hat er für die Isarbrücke nahe Plattling eine Nepomuk-Figur gestaltet. Seine Auftragslage sei gut, sagt er.

          Ein Nordlicht mischt mit in Niederbayern

          1997 ist Stöcker mit seiner Frau, der Bildhauerin Ingrid Baumgärtner, und drei Kindern nach Triftern gezogen. München und Umland waren einfach zu teuer ge­wor­den. Den Umzug habe die Familie nie bereut. Und wenn einer so einen Ruf hat, dann bringt man ihm auch auf dem Land Respekt entgegen. Den hat Stöcker ge­nutzt und sich für die örtliche Szene engagiert. Aus der Alten Post wollte er von Anfang an ein Kulturzentrum machen – und einen Ort, an dem er seine Skulpturen zeigen kann, über den Tod hinaus. Erst war das Wohlwollen in der Politik groß, dann wurde gestreut, Stöcker wolle sich mit dem von der Gemeinde zugesagten Fördermitteln von 220 000 Euro ein privates Denkmal setzen. Dabei war klar, dass sich Stöcker, sollte er Mittel aus der bayerischen Förderinitiative „Innen statt Außen“, die Ortskerne wiederbeleben und Flächenverbrauch eindämmen will, bekommen, vertraglich verpflichten muss, fünfundzwanzig Jahre keine Nutzungsänderung vorzunehmen.

          Das Gerücht, er plane womöglich selbst die Errichtung eines Altenheims, zeigte Wirkung: Es erzeugte eine Neid­debatte. Klinkenputzer und Vereinsmeier waren erfolgreich, einen Bürgerentscheid verlor Stöcker. Sogar der polnische Pfarrer war gegen ihn. Die ÖDP-Bürgermeisterin Edith Lirsch, eine Befürworterin des Projekts, war fassungslos.

          Den Ort wieder sichtbarer machen

          Man braucht viel Phantasie, sich diesen Mann als Projektentwickler eines Altenheims vorzustellen. Viel eher nimmt man ihm ab, mit einer kulturellen Mischnutzung nebst einem ehrenamtlich betriebenen Café die Marktgemeinde, der 2016 ein Hochwasser schwere Schäden zufügte, sichtbarer machen zu wollen. Als Stöcker nach Triftern zog, gab es dreizehn Wirtschaften, heute sind es zweieinhalb. Aber der Künstler ist keiner, der schnell aufgibt. Mit Hilfe neuer Sponsoren, darunter der Landkreis Rottal-Inn und der Denkmalschutz, ist die Wiederherstellung der Scheune weit gediehen.

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