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Antike im Mittelalter : Alles, was wir wissen konnten

Die Ausstellung „Juden, Christen und Muslime“ im Berliner Gropiusbau erzählt vom Transfer des antiken Wissens ins Mittelalter. Leider ist sie nur halb so anschaulich, wie sie sein müsste.

          2 Min.

          Der Katalog zu dieser Ausstellung ist eine Schatzkiste. Sie enthält prächtige Bilder und begleitende Texte zur Geschichte des Wissens im Abend- und Morgenland, zu den Wegen, auf denen es aus den antiken Metropolen am Mittelmeer in die neuen christlichen und islamischen Machtzentren gelangte, von Antiochia nach Bagdad und Kairo, von Alexandria nach Toledo und Byzanz, und zu den Menschen, die diesen Übergang bewerkstelligten.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Da sind Avicenna und Averroës, die Klassiker der arabischen Weisheit, da ist Abulcasis aus Cordoba, der in Wahrheit Abu l-Qasim Chalaf ibn Abbas az-Zahrawi hieß, und sein Übersetzer Gerhard von Cremona, da sind der Hofastrologe Michael Scotus in Neapel und der Hofastronom Tycho Brahe in Prag. Ein Glossar führt die wichtigsten Begriffe und Personen auf, und ein kundiger Prolog erzählt, wie die Schriften entstanden, auf denen unsere heutige Druck- und Schreibschrift basiert, die griechische, hebräische und arabische Kursivschrift, die karolingische Minuskel, die Textura der Klosterskriptorien, die spätmittelalterliche Bastarda und die Antiqua, die Mutter aller Buchdrucklettern.

          Zeiten und Räume werden Unscharf

          Die Ausstellung selbst steht vor dem Problem, diese Fülle anschaulich zu machen. Im Katalog sind die Blätter der Druckwerke, Kodizes und Papyri, die allesamt aus der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien stammen, auf Doppelseiten vereint oder reihen sich in dichter Folge aneinander. In den Sälen des Martin-Gropius-Baus in Berlin dagegen ruhen sie streng getrennt in den Vitrinen. Die Bücher reden nicht miteinander, die Sprachen auch nicht. So gut die Idee war, die ersten beiden Säle den vier Schriftkulturen des Hebräischen, Griechischen, Arabischen und Lateinischen zu widmen, so rasch verliert sich die Differenzierung im Fortgang der Ausstellung. Nun wird sie zum Themenparcours, hier Mathematik, dort Astronomie, beides mit erstklassigen Exponaten belegt, aber unhistorisch sortiert.

          Die Zeiten, die Räume werden unscharf. Eine Ausstellung, die den „Dialog der Wissenschaften 500 bis 1500“ zeigen will, müsste den Häusern der Weisheit in Bagdad und Kairo, den Schulen von Salerno und Toledo, also den Strukturen, in denen der Wissenstransfer stattfand, mehr Platz einräumen, als es der Gropiusbau tut, und sie müsste andererseits die Aura der Schriften und Buchmalereien viel stärker hervorheben, als es in den Vitrinen und auf den Wandtafeln geschieht.

          Es ist natürlich etwas anderes, ob man den Wiener Dioskurides, das Pflanzenhandbuch der spätantiken Prinzessin Anicia Juliana, im Original oder, wie hier, nur als Faksimile zeigen kann. Aber gerade die Replik hätte die Phantasie der Berliner Kuratoren befeuern können; sie allein hätte einen ganzen Saal verdient. Manche Bücher enthalten eine Welt für sich. Um sie zu lesen, muss man sie entfalten.

          So kommt es, dass die Präsentation im Gropiusbau ein zwiespältiges Gefühl hinterlässt. Den Wundern, die sie zeigt, etwa den hebräischen und lateinischen Manuskripten der Medizinstudien des Abulcasis oder den diversen Ausgaben des „tacuinum sanitatis“, eines aus Antiochia stammenden Gesundheitsratgebers, kommt man selten so nah. Und doch blicken sie ferner zurück, als es in einer Ausstellung des einundzwanzigsten Jahrhunderts sein müsste. Zwischen den Vitrinen sind einige historische Objekte und Repliken aus Berliner Sammlungen aufgebaut: ein Astrolabium, ein Sextant, ein Aderlassbesteck. Sie erinnern daran, wie sinnlich Geschichtsausstellungen sein können. Diese ist es leider nicht.

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