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Ausstellung zur Documenta : Als die Kunst politisch wurde

Eine Sternstunde der Documenta: 1982 ließ Joseph Beuys Basaltblöcke für sein Projekt „7000 Eichen“ vor dem Kasseler Fridericianum abladen Bild: Picture-Alliance

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum erzählt die Geschichte der Documenta. Sie zeigt, wie sehr die persönlichen Interessen der Gründer den Blick auf die Kunstwerke prägten.

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          In einer Vitrine im Untergeschoss des Pei-Baus neben dem Berliner Zeughaus liegt das entscheidende Beweisstück. Es ist die Kopie eines Artikels aus dem Giornale dell’Emilia, einer Tageszeitung aus Bologna, vom August 1946. Darin geht es um Anschuldigungen gegen einen SS-Unteroffizier namens Prader, genannt „die Hyäne“, der italienische Partisanen folterte und dabei von einem Leutnant Haftmann unterstützt wurde. Während Prader sich auf den Bauch eines Verletzten setzte, um ihn zu quälen, habe Haftmann nicht gezögert, „einen Finger in die soeben behandelten Wunden einzuführen“. Jener Leutnant Haftmann ist der bekannte deutsche Kunsthistoriker Werner Haftmann.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Kölner Geschichtswissenschaftler Carlo Gentile hat dieses Indiz mit einer Quellenrecherche untermauert. Demnach war Haftmann ab Februar 1944 beim XIV. Panzerkorps in Oberitalien als Sonderführer im Leutnantsrang für „Bandenbekämpfung“ zuständig. Er befehligte ein „Jagdkommando“ in Zivilkleidung, das Partisanen aufspüren sollte. Dabei nahm er an der „verschärften Vernehmung“eines Verdächtigen teil, der später erschossen wurde. Im November erhielt er für seinen Einsatz das Eiserne Kreuz zweiter Klasse.

          In Zukunft nicht mehr zitierfähig

          Haftmann, der künstlerische Kopf der ersten drei Documenta-Ausgaben und spätere Direktor der Berliner Nationalgalerie, stand bereits vor zwei Jahren im Fokus der Kritik der Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof, weil er Noldes nationalsozialistische Vergangenheit in seinen Publikationen beharrlich verschwiegen und den Maler stattdessen zur Symbolfigur der inneren Emigration stilisiert hatte. Die Documenta-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums gibt Haftmanns Ruf jetzt den Rest. Seine Mitgliedschaften in SA und NSDAP waren lange bekannt; die neuen Enthüllungen werden seine Bücher über Nolde, moderne Malerei und „Verfemte Kunst“ endgültig auf die Liste des nicht Zitierfähigen setzen. Der Fall erinnert an den des Schriftstellers Erwin Strittmatter, der in der DDR der meistgelesene Romanautor war. Dann kam postum heraus, dass er als Angehöriger eines SS-Polizeibataillons Partisanen gejagt hatte. Seither gerät sein Werk in Vergessenheit.

          Die Gründer: Werner Haftmann und Arnold Bode bei der Eröffnung der Documenta 3 im Jahr 1964
          Die Gründer: Werner Haftmann und Arnold Bode bei der Eröffnung der Documenta 3 im Jahr 1964 : Bild: Wolfgang Haut/F.A.Z.

          Die Frage ist, was aus Haftmanns Biographie für die Documenta folgt, die er als künstlerischer Berater ihres Gründers Arnold Bode fünfzehn Jahre lang prägte. Auch dazu präsentiert die DHM-Ausstellung ein starkes Indiz. Auf der Documenta 1 war außer Marc Chagall kein Künstler mit jüdischen Wurzeln vertreten. Zudem hatte Haftmann in seiner 1954 erschienenen Studie über „Malerei im 20. Jahrhundert“ behauptet, „nicht ein einziger der deutschen modernen Maler“ sei Jude gewesen. Für Julia Voss, die Kuratorin des ersten Ausstellungsteils, ist dies das „Werner-Haftmann-Modell“: Wiedereingliederung der deutschen Kunst in die Moderne durch systematisches Vertuschen der deutschen – und eigenen – Schuld.

          Die Ausstellung illustriert diese These, indem sie fünf Gemälde des deutsch-jüdischen Malers Rudolf Levy präsentiert, den Haftmann aus seiner Zeit als Assistent am Deutschen Kunsthistorischen Institut in Florenz gekannt haben muss, das im gleichen Gebäude wie Levys Pension residierte. Levy starb Anfang 1944 auf dem Transport nach Auschwitz. Bei der Vorauswahl für die erste Documenta wurde sein Name von der Liste der in Frage kommenden Künstler gestrichen.

          Rudolf Levy: „Selbstbildnis IV“, 1943. Der jüdische Maler starb 1944 auf dem Transport nach Auschwitz
          Rudolf Levy: „Selbstbildnis IV“, 1943. Der jüdische Maler starb 1944 auf dem Transport nach Auschwitz : Bild: Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern

          Allerdings gibt es auch Aspekte, die in der Präsentation nicht auftauchen. Chagall (dessen „Toits rouges“ als Kopie zu sehen sind) war neben Picasso der Star der Documenta 1. Der ebenfalls eingeladene russische Bildhauer Naum Gabo war jüdischer Herkunft. Der slowenische Maler Zoran Mušič hatte als Partisan im KZ Dachau gesessen. Oskar Kokoschka, neben vielen weiteren Emigranten in Kassel präsentiert, galt im Nationalsozialismus als „Entartetster unter den Entarteten“. Ein Anteil von fünfzig Prozent ehemaliger Parteigenossen, Mitläufer oder Profiteure von Arisierungen im Documenta-Team von 1955, wie ihn die Kuratoren des DHM ausgerechnet haben, dürfte für die Fünfziger im bundesdeutschen Durchschnitt liegen; in Museen und Ministerien war er oft noch größer.

          Auch die Suggestion, Haftmann habe Levy aussortiert, um den Holocaust auszublenden, steht ästhetisch auf schwachen Füßen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Documenta 1 hätte politische Gründe gebraucht, um Levys Bilder zu zeigen. Aber sie wollte unpolitisch, unhistorisch sein. Darin lag ihr Versäumnis wie das der frühen westdeutschen Kunstpolitik überhaupt. Mit der Documenta 2 hielt dann das Politische in Gestalt der amerikanischen Abstrakten in Kassel Einzug. Die Abstraktion wurde, von Haftmann gepriesen, als Inbegriff artistischer Freiheit zur Leitkunst des Westens. Aber auch dieses Dogma zerbrach, als 1977 die DDR-Staatskünstler nach Kassel kamen, Sitte, Tübke, Heisig, Mattheuer. Insofern bildete die Documenta immer exakt die politische Großwetterlage ab. Der Plan von Bode und Haftmann, Kunst als individuelle Überwindung von Geschichte zu feiern, war von vornherein eine Illusion.

          Die Kunst des Ostens: Wolfgang Mattheuers Gemälde „Horizont“ entstand 1970
          Die Kunst des Ostens: Wolfgang Mattheuers Gemälde „Horizont“ entstand 1970 : Bild: VG Bild-Kunst, Bonn

          Die Ausstellung im DHM hätte die Chance gehabt, die Dialektik von Kunst und Politik, von der jede Documenta-Ausgabe auf jeweils eigene Weise geprägt war, an repräsentativen Beispielen vorzuführen. Stattdessen dehnt sie sich in die Breite ihres Gegenstands, ohne ihn dabei in mehr als nur groben Umrissen fassen zu können. Das Typische, die institutionelle Prägung, verliert sich im Anekdotischen: die Zigarre von Theodor Heuss, die Auftritte von Pollock und Warhol, der Misthaufen eines Neonazi-Bauern gegen die Eichen von Beuys, die Berichte des IM „Schreiber“, die Lektionen von Bazon Brock.

          Vor Werner Tübkes „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze III“ hält man inne, nicht nur, weil es eins der größten Formate der Ausstellung ist. Tübkes Gemälde von 1965 ist die denkbar schärfste Antithese zur Zerebralkunst des Informel, schon deshalb, weil es in seiner sarkastischen Gegenüberstellung von Folter, Exzess und Massaker in der linken und paradiesischer Parklandschaft in der rechten Bildhälfte wie eine Illustration zu Haftmanns Doppelexistenz als Kunstfreund und Partisanenjäger wirkt. In Kassel war es erst 1977 zu sehen. Eine Ausstellung über eine Ausstellung muss sich nicht an deren äußere Ordnung halten. Das DHM hätte die Zeitschiene der Documenta aufbrechen und Tübkes Werk zu den Bildern von Chagall und Pollock hängen können, auf die es historisch und ästhetisch reagiert. Diese Vermittlungsarbeit muss der Besucher jetzt selbst leisten. Immerhin stellt ihm die Ausstellung nichts in den Weg.

          Die Schärfung historischer Urteilskraft durch Anschauung ist das Programm des DHM-Direktors Raphael Gross. Nach der Erkundung des Lebenswerks von Hannah Arendt im vergangenen Jahr packt die Documenta-Ausstellung dafür zum zweiten Mal das analytische Besteck aus. Aber sie setzt es nicht effektiv ein. Auch Ausstellungen sind eine Kunst. Die erste Documenta fand 1955 in einer Ruine statt. Um die Trümmer zu kaschieren, hängte Arnold Bode Plastikbahnen davor. Die Berliner Kuratoren wollen die Risse im Documenta-Gebälk jetzt sichtbar machen. Doch sie decken sie mit Vitrinen und Stellwänden zu. Daraus kann man etwas lernen.

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