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Hollywood-Fotos in Berlin : Boulevard der Dämmerung

Abschied vom Glamour: Eine Ausstellung in der Berliner Helmut Newton Stiftung zeigt Fotos aus der Traumfabrik und aus dem Los Angeles von heute. Die große Zeit der Stars, das sieht man, ist vorbei.

          3 Min.

          Seit ihrer Gründung arbeitet die Helmut-Newton-Stiftung daran, die Erinnerung an den in Berlin geborenen und in Los Angeles gestorbenen Fotografen wachzuhalten. In regelmäßigen Sonderausstellungen wird Newtons Werk mal mit dem seiner Frau June, mal mit Arbeiten kanonischer oder zeitgenössischer Fotografen kombiniert. Dabei behält der Namensgeber der Stiftung fast immer die Oberhand, was die Zahl der gezeigten Bilder und den Anteil an der Ausstellungsfläche angeht. Dieses Dominanzverhältnis gilt auch für die aktuelle Gruppenausstellung „Hollywood“. Und doch ist diesmal alles anders.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn die neue Ausstellung ist im Grunde keine fotokünstlerische, sondern eine fotografiehistorische. Sie zeichnet den Weg Hollywoods von den Anfängen bis zur Gegenwart der Pornoindustrie im San Fernando Valley nach, aber nicht als Realgeschichte, sondern als Geschichte des kollektiven Imaginären. Erst allmählich dringt die Wirklichkeit ins Panoptikum ihrer Abbilder vor, erst spät wird aus „Hollywood“ ein Stadtteil der Metropole Los Angeles und aus der Traumfabrik der Albtraum des Alltags. Dabei gehören die Fotos von Helmut Newton, anders als die seiner Frau June, unverkennbar in die imaginäre Vorgeschichte. Man weiß, wie eng sich Newton an die klassische Glamourfotografie der Dreißiger- und Vierzigerjahre angelehnt hat, aber in der Ausstellung, die Vintage-Abzüge von Ruth Harriet Louise und George Hoyningen-Huene mit einem Portfolio von George Hurrell kombiniert, sieht man es noch einmal überdeutlich. Knapp zwanzig Jahre nach Newtons Tod ist sein fotografisches Erbe damit endgültig historisch geworden. In den Achtzigerjahren, auf dem Höhepunkt seines Er­folgs, konnte man noch glauben, dass in seinen Bildern ein Stück Zukunft des Mediums steckt. Jetzt er­kennt man, dass sie zurückblicken.

          Was man auch sieht: Wie sehr die ins Freie und zur Reportage drängende Hollywoodfotografie der Sechziger- und Siebzigerjahre, die durch die Bildserien von Eve Arnold, Inge Morath und Steve Schapiro vertreten ist, bei Newton wieder zum Arrangement erstarrt. Arnold zeigt Ma­ri­lyn Monroe bei den Dreharbeiten zu John Hustons „Misfits“ in ungestellten Augenblicken der Erschöpfung wie des Überschwangs. Dagegen wirkt Sigourney Wea­ver, an der sich Newton nie sattsehen konnte, in jedem seiner Porträts von ihr wie ein Kunstprodukt. Den Atelierblick des Modefotografen, den Anton Corbijn in seinen Aufnahmen von Pop-Größen wie Tom Waits, Marianne Faithfull und Clint Eastwood zugunsten eines heroischen Verismus hinter sich lässt, hat Newton überallhin mitgenommen.

          Dennoch betrachtet man seine Aufnahmen mit Wehmut. „Your Hollywood is dead“, steht auf einer Postkarte, die in Ro­bert Altmans Film „The Player“ zu sehen ist, und das gilt auch für Newtons Hollywood: Es leuchtet in seinen Hochglanzkompositionen ein letztes Mal auf. Die neue Zeit, die den Glamour verscheuchen wird, beginnt schon in den Bildern, die June Newton alias Alice Springs 1984 in der Melrose Avenue in West Hollywood aufgenommen hat, un­weit vom Chateau Marmont Hotel, in dem die Newtons jeden Winter wohnten und vor dem der Fotograf im Jahr 2004 seinen Herzinfarkt erlitt. Man sieht Punks, Mods, Gothic-Mädchen und andere Selbstdarsteller, die keinen Filmset mehr brauchen, um sich zu inszenieren.

          Die Vorhölle der Ereignislosigkeit

          Die Straße selbst wird jetzt zum Set, auch zu dem des Elends und der Käuflichkeit. In Philip-Lorca diCorcias „Hustler“-Serie sitzen männliche Prostituierte vor Palmen, Autowracks und Leuchtreklamen, im Taxi oder in billigen Diners, dazu vermerkt der Fotograf ihre Heimatstadt und ihren Preis. Die Kuratoren ha­ben eine Gelegenheit verpasst, indem sie diCorcias Fotos und die Aufnahmen aus Larry Sultans Serie „The Valley“ voneinander trennten, denn die Callboys auf den Straßen und die Pornodarstellerinnen im San Fernando Valley, die Sultan in ihren Ar­beits­pausen aufgenommen hat, gehören zusammen wie im al­ten Hollywood die Lohnschreiber und die Komparsen: Sie halten einen Betrieb zu­sam­men, der keine imaginären Tröstungen mehr, sondern ­vi­suelle Stimuli zur Triebabfuhr produziert.

          Die Entdeckung der Ausstellung sind Jens Liebchens Straßenfotos aus Kalifornien. Anders als Michael Dressel, der für sein Projekt „Los(t) Angeles“ die Er­nied­rig­ten und Be­lei­dig­ten, die Schlangenbeschwörer und Jedi-Verkörperer am Hollywood Boulevard und dessen Seitenstraßen eindringlich porträtiert, hat Liebchen das Bild der Me­tro­pole aus dem Au­to­fen­ster aufgenommen. So wird die Stadt der Fassaden im Vorbeifahren ertappt. Die blockhafte Architektur macht ihre Bewohner – zwei Wartende an einer Bushaltestelle, ein Ob­dach­loser in einem Hauseingang – zu Statisten. Billboards und Aufschriften gliedern den Raum, Strommasten versperren den Blick. Die Morgensonne ist ein Plakatmotiv auf einer Mauer. In dieser entzauberten Kulisse gibt es keine Dramen mehr, nur den ewigen Wechsel von Stillstand und Be­schleunigung. Die Sehnsucht nach dem an­de­ren Leben, die das Kino nährt, kommt in Liebchens Aufnahmen nicht vor. Die Stadt selbst ist zum anderen des Lebens geworden, zur Vorhölle der Ereignislosigkeit.

          Und Hollywood? Es hat sich in den ir­rea­len Raum der Superheldenfilme zurückgezogen. Was von seinem Glamour übrig blieb, sieht man in Skandalprozessen und auf dem roten Teppich der Oscar-Verleihung. Aber die Einschaltquoten sinken, der Glanz nimmt die Farben der Abenddämmerung an. Am Ende der Antike baute man die Tempel der heidnischen Götter zu Kirchen um. So puzzeln sich die Streamingdienste aus den Trümmern des Kinos ihre eigene Welt.

          Hollywood. Helmut Newton Stiftung, Berlin, bis 22. November. Kein Katalog.

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