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„True Pictures?“ in Hannover : Beherzter Griff in den Bilderkorb

  • -Aktualisiert am

Läutet die Glocken, die Erde brennt: Meryl McMasters „From a Still Unquiet Place“ (2019) Bild: Meryl McMaste. Courtesy of the artist

Fließender Übergang vom Foto zur Kunst: Die Ausstellung „True Pictures“ in Hannover historisiert die Fotografie der vergangenen Jahrzehnte und fragt nach ihrer Wirklichkeit.

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          Die Frau hockt auf einem Schemel und zeigt ihren entkleideten Rücken. Sie ist nicht ganz so entblößt wie die „Kleine Badende“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres in seinem Gemälde eines Harems von 1826, und es ist auch keine weiße Frau, die Ayana V. Jackson posieren lässt, sondern eine Schwarze. Mit der Studiofotografie auf dem Katalogumschlag ist der Ton gesetzt für eine opulente Bilderschau im Sprengelmuseum Hannover, die sich ein ehrgeiziges Ziel vorgenommen hat. Die nordamerikanische Fotokunst der vorigen vierzig Jahre soll, als „bislang nicht ge­schriebenes Kapitel einer Bildform“, er­zählt und der Kunstgeschichte hinzugefügt werden: „True Pictures?“

          Amerikanische Fotografie im zwanzigsten Jahrhundert verbindet sich gemeinhin mit Street und Straight Photography, der Konfrontation mit dem Leben, wie es auf der Straße vor Augen tritt, mit Walker Evans, über den Svetlana Alpers gerade eine brillante Biographie vorgelegt hat, dem Schweizer Robert Frank und seinem epochalen Buch „The Americans“, mit William Eggleston, Stephen Shore und der Farbfotografie. Um 1980 bricht hingegen eine Zeit an, in der sich die künstlerische Fotografie namentlich in New York und in Vancouver völlig neu definiert. Cindy Sherman inszeniert sich in fiktionalen Film-Stills als Protagonistin unzähliger Kinofilme, die nie gedreht worden sind. Richard Prince fotografiert den Marlboro-Mann aus der Zigarettenwerbung ab und verkauft den einsamen Cowboy, ohne Schriftzug, als sein eigenes Bild.

          Noch dreister geht Sherrie Levine vor: Ikonen der Fotogeschichte reproduziert sie eins zu eins, als ob es so etwas wie ein Copyright nie gegeben hätte; Louise Lawler schließlich fotografiert Kunst an den Wänden bei Sammlern und macht Bilder aus Bildern. In Kanada zitiert Jeff Wall in großen Fotos kunsthistorische Vorbilder der Malerei und präsentiert sie in Leuchtkästen der urbanen Reklame. „Unter jedem Bild liegt immer schon ein anderes Bild“, hatte dazu der Kritiker Douglas Crimp bemerkt.

          Body En Thrall, p120 from Indigenous Woman (2018) Bilderstrecke
          Ausstellung „True Pictures“ : Auswahl an Fotografien

          „Pictures“ nannte Crimp 1979 lakonisch einen Essay, der sich als ungewöhnlich einflussreich erweisen sollte – wie auch schon die gleichnamige, von ihm kuratierte Ausstellung im New Yorker Artists Space. Der hellsichtige Kritiker, der später Themen wie Aids und queere Identität als Themen der zeitgenössischen Kunst in den Vordergrund schieben sollte, analysierte den Gebrauch von Bildern aus den Massenmedien und lieferte damit früh einen Beitrag zur Theorie der Postmoderne. Man hat von einer „Pictures Generation“ gesprochen, deren Produktion sich über alle künstlerischen Gattungen erstreckte, wobei dem Foto eine Schlüsselrolle zukam.

          Diesen Paradigmenwechsel nimmt „True Pictures?“ zum Ausgangspunkt. Die Wahrheit in den Aufnahmen des von Stefan Gronert und Benedikt Fahrnschon eingerichteten Panoramas ist zum größten Teil arrangiert, im Atelier ausformuliert und zugespitzt, der dokumentarische Ansatz nurmehr einer unter vielen. Es darf auch plakativ zugehen wie in den Großformaten von Martine Gutierrez über geschlechtliche Identität und Hierarchie. In konzeptuellem Geist bespiegeln die Fotografinnen und Fotografen das eigene Genre und erschließen die neuen technologischen Möglichkeiten. Auf diese Weise belegt die Ausstellung, wie die Fotografie nach einem langen historischen Vorlauf endgültig in der zeitgenössischen Kunst aufgeht. Viele Urheber dieser Schau würden als Berufsbezeichnung denn auch wohl eher Künstler als Fotograf angeben.

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