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Streetart in der Ukraine : Banksys David hat Putin schon besiegt

Graffiti in alter Renaissancetradition: Borodjanka legt Putin aufs Kreuz Bild: AP

Renaissance der Ruinenmalerei: Der Graffiti-Magier Banksy schreibt in der Ukraine die Kunstgeschichte der nur scheinbar Unterlegenen neu.

          3 Min.

          Er ist wieder da. Doch selten hat man Wladimir Putin so buchstäblich hinfällig gesehen. Ein kleiner Junge legt den muskulösen Judoka, als der sich der russische Präsident über Jahre in den Medien inszenierte, mit einem gekonnten Wurf aufs Kreuz. Durch den eklatanten Alters- und Größenunterscheid greift das Bild die Renaissancetradition der Darstellungen von David und Goliath von Donatello über Michelangelo bis zu Bandinelli auf, in denen stolze aber oft überschaubare italienische Stadtrepubliken trotzig ihre Siege über viel größere Gegner feierten oder zumindest als symbolische Abschreckung ihren Beharrungswillen in dem Bild Klein gegen Groß zum Ausdruck brachten.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Der davideske kleine Judoka aus dem stark zerstörten Borodjanka nordwestlich der Hauptstadt Kiew ist ein Werk des Streetart-Künstlers Banksy aus dem britischen Bristol. Überall in der Welt und insbesondere an Krisenherden wie etwa der Westbank und der Mauer zwischen Israel und Palästina („The End of the Rainbow“ in Betlehem, 2017) tauchten in den letzten Jahren Graffitis in Banksys idiosynkratischem Stil harter Schwarzweiß-Kontraste und gewollter Unschärfeeffekte in den Binnenkonturen auf. Setzt er die Werke auf seine Webseite oder seinen Instagram-Kanal, gelten sie als autorisiert und „eigenhändig“. So hat Banksy auch jetzt ein Video auf Instagram veröffentlicht, das seine ukrainischen Werke zeigt.

          Die gesamte Serie von Graffitis folgt einer Ikonographie der Ruine; sie nutzt die Zerstörungen des Kriegs und der russischen Bomben in allen Fällen bewusst als integralen Teil der jeweiligen Bilder. Auf dem ersten bekannt gewordenen Spraybild etwa vollführt ein Mädchen auf real existierenden Trümmern einen Handstand. Besonders eindrücklich sind zwei als Silhouetten gesprayte Kinder in Borodjanka, die optisch auf einer vor den Betonkuben stehenden Panzersperre aus Cortenstahl wippen. Solche wie abstrakt-kubistische Skulpturen wirkenden Panzersperren werden seit dem 24. Februar in der Ukraine tatsächlich oft von Bildhauern zusammengeschweißt, die aus zivilen Zeiten viel Erfahrung mit Stahlskulpturen mitbringen (F.A.Z. vom 20. März).

          Hurra, die Welt geht unter: Zwei ukrainische Kinder wippen auf dem Werk des britischen Künstlers Banksy im ersten Schnee auf einer umfunktionierten Panzersperre.
          Hurra, die Welt geht unter: Zwei ukrainische Kinder wippen auf dem Werk des britischen Künstlers Banksy im ersten Schnee auf einer umfunktionierten Panzersperre. : Bild: AFP

          Im Kiewer Vorort Irpin balanciert eine Sportgymnastin mit einer weit ausflatternden Banderole in der Hand über einem in die Wand gebombten schwarzen Loch. Auch wenn sie durch die brutalen Raketenangriffe auf Zivilisten offenbar geschädigt wurde – sie trägt eine Halskrause –: die tänzerische Eleganz und Leichtigkeit, mit der sie über dem realen Loch als Symbol der erlebten Abgründe leichtfüßig zu schweben scheint, lässt sie zu einer Nike von Samothrake dieses Krieges, einer vorweggenommenen Siegesgöttin werden.

          Unter den anderen Motiven ist auch eine ältere Frau mit Lockenwicklern im Haar und Gasmaske, die mit gesenktem Haupt auf ihre zerstörte Heimstatt blickt, den Feuerlöscher in der Hand. Am ergreifendsten aber ist ein ebenfalls älterer bärtiger Mann, der sich in der Badewanne sitzend den Rücken schrubbt, während die drei restlichen Wände des Hauses weggebombt sind. Mit dem über Jahre geschärften, sicheren Blick für vorhandene Besonderheiten bezieht Banksy in dieses Stillleben des Schreckens die von der völlig fehlenden einstigen Decke in Fetzen herabhängenden Tapetenreste sowie ein ebenso von den Angriffen mitgenommenes, zerfetztes Badetuch ein, das unverändert und lakonisch auf seiner Halterung an der Wand hängt.

          Ikonographie der Ruine

          Das Nutzen von ruinierten Gebäuden und Flächen freilich hat nicht nur eine lange Tradition in der Graffiti- und Streetartszene von Anbeginn an – siehe den Doyen der Bewegung Harald Naegeli, der seit den Siebzigerjahren seine makabren Totentanzgerippe in unwirtliche Betonwüsten und auf die schrundigen Wände von Autobahnunterführungen und desolaten Parkhäusern setzt. Auch Banksy selbst hatte vor Jahren mit „Dismaland“ einen wie über den Haufen geschossenen dystopischen Vergnügungspark des Grauens geschaffen, der in Deutschland beispielsweise im Jahr 2018 in einer gigantischen Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Saarland zu sehen war, das ja selbst das schwarzromantische Überbleibsel einer skelettartigen Industrieruine ist.

          Die Bilder der verheerten ukrainischen Städte werden uns noch jahrelang begleiten, selbst bei einem Sieg des „David“ Ukraine und einem zu wünschenden, raschen Wiederbau. Für ein Bewusstsein gesorgt zu haben, in welch katastrophalen Umständen so kurz vor dem Winter die Menschen in der Ukraine leben und dennoch ihre bisweilen fast surreal anmutende kämpferische Zuversicht nicht aufgeben, ist Signum der neuen Arbeiten von Banksy.

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