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Bahnhofs-Architektur : Unser Land soll schneller werden

Belgien will verkehrspolitisch europäischer Musterknabe sein und investiert in Bahnhöfe: Santiago Calatrava erfindet Lüttich-Guillemins neu, Jacques Voncke erneuert Antwerpen Centraal. Entstanden sind zwei Schmuckstücke, die zum Verweilen einladen.

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          „Spoorwegkathedraal“ nennt sie der Volksmund: Eisenbahnkathedrale. In Antwerpen Centraal anzukommen hat etwas Erhabenes: Die Stadt liegt einem zu Füßen. Und von hier abzureisen hat etwas Erhebendes: Eine neobarocke Treppenanlage aus Marmor führt aus dem Empfangsgebäude in die von einem 46 Meter hohen Glasdach überspannte Gleishalle. Das Pantheon stand Pate für die eklektizistische Architektur des aus Brügge stammenden Louis Delacenserie: Zehn Türme umgeben die 75 Meter hohe Kuppel, mit der die flandrische Metropole 1905 auf Initiative von König Leopold II. ihre Bedeutung als Kunststadt überhöhte. Zentrum einer Inszenierung, in der der Kolonialismus des Landes das Bildprogramm bestimmt. Auf der einen Seite geht es in den Zoo und dessen ferne Tierwelten, auf der anderen ins „Jerusalem des Nordens“, wie das Diamantenviertel auch heißt.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Leser kennen Antwerpen Centraal aus der Literatur. Der Roman „Austerlitz“ von W. G. Sebald eröffnet mit der Ankunft dort und reflektiert die Lage wie auch die Ikonographie: „,Unter all diesen Symbolbildern', sagte Austerlitz, ,stehe an höchster Stelle die durch Zeiger und Ziffernblatt vertretene Zeit'“, und so „befinde sich genau dort, wo im Pantheon in direkter Verlängerung des Portals das Bildnis des Kaisers zu sehen war, die Uhr; als Statthalterin der neuen Omnipotenz rangiere sie noch über dem Wappen des Königs und des Wahlspruchs ,Eendracht maakt macht'.“ Und „tatsächlich“, so kurz darauf, „sagte Austerlitz, ,gingen ja bis zur Synchronisierung der Eisenbahnfahrpläne die Uhren in Lille oder Lüttich anders als die in Gent oder Antwerpen'“.

          Kopf- und Tunnelbahnhof

          Antwerpen Centraal ist ein Kopfbahnhof. Endstation. Tür zur Stadt, die Tor zur Welt war. Der Auswandererstrom ging zurück, die Verbindung ins Nachbarland, von dem die Sprache nicht trennt, aber wurde immer wichtiger. Der Thalys nach Amsterdam aber machte um Antwerpen einen Bogen und setzte Fahrgäste kurz vorher ab: Das letzte Stück ging's mit dem Vorortzug.

          Ihren berühmten Bahnhof wollte die Stadt nicht verlieren, den Anschluss an das Hochgeschwindigkeitsnetz aber auch nicht. So war guter Rat teuer und die Lösung (mit 775 Millionen Euro) erst recht. Jetzt ist, nach zehnjähriger Planung und Realisierung, der gordische Knoten durchschlagen: Antwerpen Centraal bleibt Kopf- und wurde Tunnelbahnhof. Die Schnellzuglinie unterläuft, und das im Wortsinn, das Baudenkmal.

          Eine ingenieurtechnische Meisterleistung

          Die Transformation ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung: Zehn Gleise hatte der Bahnhof vordem, und alle befanden sich in der Belle Etage. Denn die Eisenbahn wurde auf einem Damm in die Stadt geführt, damit sie die Quartiere nicht trennte, sondern diese durch Unterführungen verbunden blieben. Heute hat Antwerpen Centraal vierzehn Gleise, auf der Ebene 1 + aber sind nur noch sechs. Je vier liegen im ersten, in dem auch die Metro läuft, und im zweiten Untergeschoss, wo die Schnellzüge halten und dann durch einen 3,8 Kilometer langen Tunnel fahren. Doch auch hier wird der Reisende von Tageslicht empfangen, und die Augen finden den gewohnten Halt: Das alte Dach überspannt die „Schlucht“, und die prachtvolle, der Gleishalle zugewandte Rückseite des Empfangsgebäudes bannt auch aus zwanzig Metern Tiefe den Blick.

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