https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/azteken-ausstellung-in-berlin-aus-dem-reich-der-gefiederten-schlange-11011716.html

Azteken-Ausstellung in Berlin : Aus dem Reich der gefiederten Schlange

          4 Min.

          Als die Menschen des Mittelalters die Ruinen der römischen Großbauten sahen, hielten sie diese für Werke der Götter. Nicht anders erging es den Azteken, als sie im vierzehnten Jahrhundert ins zentralmexikanische Hochland einwanderten. Die Überreste der Tempelpyramiden, Wohnviertel und Paläste, die sie im Tal des heutigen Río San Juan entdeckten, erschienen ihnen so gewaltig, dass die Stadt, zu der sie gehörten, nicht menschlichen Ursprungs sein konnte. So kam der Ort, dessen Kulturschätze jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgestellt werden, zu seinem Namen: Teotihuacan, „die Stadt, in der Menschen zu Göttern werden“.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zu jener Zeit war die Megalopolis unterhalb des Cerro Gordo schon seit mehr als sechshundert Jahren verlassen. Die Azteken, die ihre eigene Hauptstadt fünfzig Kilometer weiter nordöstlich errichteten, nahmen das Ruinengelände in ihre Mythenwelt auf. Auch den Göttern, deren Bilder sie in gemalter und skulpierter Form an den Mauern der Totenstadt fanden, gaben sie ihre eigenen Namen: dem Kriegs- und Schöpfergott Quetzalcoatl, der in Gestalt einer gefiederten Schlange vom Himmel fuhr, dem Wettergott Tlaloc, dessen Hand die Feldfrüchte sprießen ließ, dem Feuergott Huehueteotl, dessen Name „sehr alter Gott“ bedeutete und dessen tönerne Abbilder die Kochstellen und Kohlebecken der niedrigen Häuser hüteten.

          Die drittgrößte Pyramide der Welt

          Alles, was heute über die Kultur von Teotihuacan bekannt ist, verdankt sich, neben den Ausgrabungen moderner Archäologen, der Überlieferung durch die Azteken. Denn die einstigen Bewohner der Stadt haben keine schriftlichen Zeugnisse ihres Lebens hinterlassen - wenn man von den Spruchbändern absieht, die ihren Götter- und Priesterfiguren auf den Wandbildern der Tempel aus den Mündern ragen und deren Schlangenlinien und vielfarbige Zacken womöglich eine verborgene Botschaft enthalten. Die Wissenschaftler bezeichnen sie als Glyphen. Bis heute hat sie noch niemand entziffert.

          Trotzdem lässt sich die Geschichte des Staates Teotihuacan anhand gleichzeitiger Quellen der Maya und archäologischer Funde annähernd rekonstruieren. Sie bietet ein Musterbeispiel für das Modell vom zyklischen Aufstieg und Verfall der Kulturen, das Oswald Spengler vor neunzig Jahren in seinem „Untergang des Abendlandes“ entworfen hat. Um das Jahr 100 nach Christus erwuchs - ganz ähnlich wie im frühen Rom - aus einem Synoikismus verschiedener Ethnien die Stadt am Río San Juan. Das Symbol ihrer Einheit war die vierstufige Sonnenpyramide im Zentrum, die in einer einzigen kollektiven Kraftanstrengung entstand; mit einer Höhe von fünfundsechzig und einer Seitenlänge von gut 220 Metern ist sie die drittgrößte Pyramide der Welt.

          Im zweiten Jahrhundert nach Christus, während die Bevölkerung von vierzig- auf hunderttausend Menschen anstieg, bildete sich ein stabiles Sozialgefüge mit einer Herrscherschicht aus Kriegern und Priestern. Deren Machtsymbol, die inmitten eines festungsartigen Kultbezirks gelegene Pyramide des Quetzalcoatl, wurde um die Mitte des dritten Jahrhundert in Brand gesteckt und entweiht. Aber nach dieser „Revolution“ schwanden die Kräfte der Stadt nicht, im Gegenteil: Erst jetzt erreichten sie ihre größte Ausdehnung und den Höhepunkt ihrer Macht. In ihren ummauerten Wohnblöcken, die sich rasterartig um die zentrale Achse zwischen Sonnen- und weiter nördlich gelegener Mondpyramide gruppieren, lebten zweihunderttausend Menschen. Ihre Handelsverbindungen reichten bis tief ins Reich der Maya, ihre Feldzüge sicherten die Hegemonie Teotihuacans über seine Nachbarvölker. Haushaltswaren aus Ton, Waffen und Werkzeuge aus Obsidian, Kunstgegenstände aus Alabaster und Jadeit wurden in Massenfertigung hergestellt, Fernhändler wohnten in eigenen Vierteln. Auf den Plattformen vor den Pyramidentempeln schnitten die Priester den Kriegsgefangenen das Herz aus der Brust und opferten es der Sonne. Das „blutende Herz“, aus dem drei dicke Tropfen wie Tränen quillen, ist ein wiederkehrendes Motiv der Wandmalereien und Reliefs von Teotihuacan.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Hochsicherheitssaal des Landgerichts München I: Der Freistaat Bayern hat den Saal vor sechs Jahren auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stadelheim bauen lassen – für die besonderen Fälle.

          Wirecard-Prozess : Showdown in Stadelheim

          Der Untergang des Zahlungsdienstleisters ist einer der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Nun wird vor Gericht verhandelt, wer dafür verantwortlich ist. Ein Überblick über die wichtigsten Prozessbeteiligten.
          Zugriff: Polizisten führen am Montag Prinz Reuß ab

          Plante Umsturz : Wer ist Heinrich XIII. Prinz Reuß?

          Eine Gruppe aus der „Reichsbürger“-Szene plante offenbar den Umsturz der demokratischen Ordnung Deutschlands. Rädelsführer soll ein Prinz aus Frankfurt sein – mit Hang zur Esoterik und Geldproblemen.
          Jetzt auch ohne negativen Test: Eine U-Bahn in Zhengzhou am 5. Dezember

          Null-Covid-Politik beendet : Xi Jinpings rasante Corona-Kehrtwende

          Nach den Protesten gegen die Null-Covid-Strategie entscheidet Xi Jinping sich zur Flucht nach vorn. Was die Führung in Peking gestern noch als Ausdruck des überlegenen chinesischen Systems pries, wird nun korrigiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.