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Römerbüste in der Wüste : Austin, we have a problem!

  • -Aktualisiert am

Die antike Büste von Sextus Pompeius Magnus Bild: AP

Für eine Handvoll Dollar: Eine Frau erwarb für sehr wenig Geld einen unschätzbaren römischen Marmorkopf in einem Secondhand-Laden im texanischen Austin. Der aber stellte sich als Beutekunst aus der Alten Welt heraus.

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          Von dem einen Kunst-&-Krempel- oder Bares-für-Rares-Moment im Leben träumt doch fast jeder. Einmal einen Van Gogh auf einem Flohmarkt entdecken, nach erfolgreicher Schätzung für Millionen weiterverkaufen und damit einen angenehmen Lebensabend verbringen. Einer Texanerin ist das fast so geschehen. Laura Young hat in Austin in einem Goodwill, wie eine in den USA verbreitete Kette von Secondhand-Läden heißt, eine Marmorbüste erstanden. Für 34 Dollar 99. Das wäre selbst für den reinen Marmormaterialwert wohlfeil. Erst recht aber war es günstig, weil es sich um eine sündteure, gut zweitausend Jahre alte römische Marmorbüste handelt.

          Wenn man im Archäologieunterricht nicht geschlafen hat, Sextus Pompeius Magnus, der Feldherr aus dem späten ersten Jahrhundert vor Christus. Bilder aus Frau Youngs Handy in amerikanischen Medien zeigen nun sehr surreal, wie die römische Büste angeschnallt auf dem Autositz mit ihr umherfährt, während der Gurt zärtlich das Kinn des alten Römers umfängt, der mit seinem ohnehin melancholischen Blick unter schweren Lidern – republikanischer Realismus! –, der beschädigten Nase und seinem schräggelegten Kopf traurig über die staubigen Weiten der texanischen Highways zu sein scheint. Auf einem anderen Privatfoto ist Frau Young Wange an Wange mit dem marmornen Republikaner zu sehen. Stolz erzählt sie, wie „ihr“ Römer einen Ehrenplatz auf ihrem Kaminsims hatte, jenem Ort, auf dem auch der Kaufmann und Mäzen James Simon „seine“ Nofretete platzierte, bevor er sie dem Berliner Museum stiftete.

          Rom-Aschaffenburg-Austin und zurück

          Einen Haken hat die Sache: Frau Young, die sich als Kunstsammlerin bezeichnet und wusste, dass der Fund aus dem Goodwill einiges wert ist, besitzt das Werk seit 2018. Dummerweise hat ihr das Auktionshaus Sotheby’s den Sextus Pompeius als Beutekunst identifiziert, was auch erklärt, wie es den Feldherrn in die Neue Welt verschlug: Er stammt aus dem sogenannten Pompejanum im unterfränkischen Aschaffenburg. König Ludwig I. von Bayern ließ es in den Jahren 1840 bis 1848 nach dem Vorbild der pompejanischen Villa Casa dei Dioscuri errichten. Ist dieser Studienort der Antike ein Nachbau, waren die Statuen darin teilweise echt, so auch der Sextus.

          Wo der nach Texas verschleppte Römer herstammt: Das Aschaffenburger Pompejanum, die Nachbildung einer römischen Villa in Pompeji, errichtet 1840 bis 1848 von Ludwigs I. von Bayern Hofarchitekt Friedrich von Gärtner.
          Wo der nach Texas verschleppte Römer herstammt: Das Aschaffenburger Pompejanum, die Nachbildung einer römischen Villa in Pompeji, errichtet 1840 bis 1848 von Ludwigs I. von Bayern Hofarchitekt Friedrich von Gärtner. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Das Pompejanum wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und beraubt. In Aschaffenburg war die US Army stationiert, und einer der GIs hat die Büste in der Nachkriegszeit nach Austin verschleppt, so wie ein anderer Texaner den noch unschätzbareren Quedlinburger Domschatz, der erst im Jahr 1990 in einem Banksafe der Provinzstadt Whitewright wieder auftauchte und 1993 an seinen Ursprungsort zurückgekauft wurde. Irrt in Wenders’ Film „Paris, Texas“ Harry Dean Stanton im staubtrockenen Südstaat umher, kehrt nun im zweiten Teil „Texas, Aschaffenburg“ der einst vom Bayern-König erworbene Marmorkopf wieder in angestammte Gefilde zurück. Doch nicht sofort. Dass die Büste noch so lange im Kunstmuseum von San Antonio gezeigt werden muss und erst im Mai 2023 ins „Aschebescher“ Pompejanum zurückkehrt, ist doch eigentlich schade.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

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