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Kunst in der digitalen Welt : Wenn die Fliege durchs Museum schwirrt

  • -Aktualisiert am

Nicht nur ein Bild auf der Leinwand: In der Ausstellung von Pierre Huyghe im Sprengel Museum in Hannover gibt es auch echte Fliegen, die zu Hunderten durch die Räume surren. Bild: dpa

Zwei Ausstellungen in Hannover und Kassel führen durch die Kunst der digitalen Welt: Die beste Antwort auf die Frage, was heute ein Bild ist, liefert der französische Starkünstler Pierre Huyghe.

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          Was ist heute ein Bild? Diese Frage werfen zwei Ausstellungen auf, die vergangenes Wochenende nur eine Zugstunde voneinander entfernt eröffnet wurden. So viel vorweg: Die eine zerstreut die Frage in viele Richtungen, die andere reißt einen Abgrund auf. Was als Bild gilt, wird mit jedem Umbruch in der Medientechnologie neu bestimmt: Der Bildbegriff änderte sich, als die Malerei von der Wand abgelöst wurde und in das verschiff- und handelbare Tafelbild auswanderte; als die Fotografie die Repräsentationsaufgaben übernahm; und zuletzt, als sich das digitale Bild von einem festen Träger löste und in Echtzeit übertragen werden konnte, wodurch jeder Smartphone-Nutzer zum Bildproduzenten geworden ist und der eigene Körper zum Datenträger wird.

          Pixelsalat, Scheibenwischer und Algorithmen

          Fenster zur Welt sind Bilder jedenfalls nur noch im Ausnahmefall. Vertreter des „pictorial turn“ wie der Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell haben gezeigt, in welchem Ausmaß Bilder zu Handlungsträgern geworden sind, die Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern schaffen. Eines der schrecklichsten Beispiele liefern die dschihadistischen Enthauptungsvideos, die der Künstler Seth Price in der Gruppenschau „Images“ im Kasseler Fridericianum verfremdet und als Scherenschnitte auf verknäulte Folien gedruckt hat.

          Wie brüchig und störanfällig digitale Bilder sind und welche Freiheit auch darin liegen kann, veranschaulicht in der Kasseler Ausstellung eine Arbeit von Cory Arcangel aus dem Jahr 2003. Für seine „Data Diaries“ hat Arcangel seine Videosoftware so manipuliert, dass sie die Daten, die während eines Arbeitstages durch den Arbeitsspeicher wandern, als Bildinformation interpretiert. Eine Reihe von Monitoren auf dem Hallenboden spielt einen absurden Pixelsalat ab, der aussieht wie zersplitterte Testbilder.

          Der Film „De-Extinction“ (2014) des französischen Künstlers Pierre Huyghe zeigt in Bernstein eingeschlossene Insekten und gehört zur Installation „Orphan Patterns“. Bilderstrecke
          „Orphan Patterns“ und „Images“ : Das Bild im Zeitalter des Digitalen

          Alle Arbeiten in Kassel vereint eine kühle Gleichgültigkeit gegenüber dem Gezeigten. Sie entkoppeln Rahmen und Inhalt, treiben Bildern die Tiefe aus und gleiten an ihren Oberflächen entlang. Um eine Formulierung des französischen Künstlers Pierre Huyghe zu zitieren, der auch in Kassel mit Werken vertreten ist und dem das Sprengel Museum in Hannover eine Einzelausstellung in seinem Anbau widmet: Sie „schlagen leck“. Trisha Donellys Videos zeigen nur enigmatisch flimmernde Störsignale. Und die Übermutter der Kritik an Bild und künstlerischer Handschrift, Elaine Sturtevant, hat in „Plato’s Dual Action: Same/Idea/Transposed“ Aufnahmen eines Scheibenwischers und einer Autowaschanlage geloopt. Jede Bedeutung wird hier weggewischt, man sieht nur, was man vor sich hat: zwei Monitore, die sich gegenseitig bei der Arbeit zusehen.

          Die Fridericianum-Direktorin Susanne Pfeffer, die im nächsten Jahr den Deutschen Pavillon in Venedig kuratieren wird, vertraut darauf, dass jede der neun Positionen etwas Wesentliches zum Thema Bildlichkeit sagt. Viele Werke tun das auch überzeugend, und natürlich ist es ein Gewinn, die großen Installationen des 2002 verstorbenen Michel Majerus wiederzusehen, welche die frivole Lässigkeit heutiger junger Kunst vorwegnehmen, ohne dabei ins Formlose abzudriften. Doch bleiben in dem logistischen Prachtpaket in Kassel die einzelnen Künstlerpositionen erstaunlich stark sich selbst überlassen. Auch die drei Arbeiten von Huyghe, die in Kassel gezeigt werden, wirken recht statisch – das ist im Sprengel Museum in Hannover anders.

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