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Ausstellungen : Affe als Freund, Affe als Feind

Die Angst vor der Bestie fand bereits im Jahr 1859 eine populäre künstlerische Umsetzung, als der französische Bildhauer Emmanuel Frémiet mit seinen Plastiken von frauenverschleppenden Gorillas Grusel, Erotik und Rassismus gleichermaßen bot - und das so erfolgreich, dass er noch 1894 eine Ausführung schuf, deren Gipsmodell dann nach Dresden verkauft wurde. Nun steht sie in der Rotunde des Lipsiusbaus, dem am Elbufer gelegenen Sonderausstellungsgebäude der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und zwar auf Stahlträgern über das Oberlicht des Tiefgeschosses gewuchtet. Darunter wiederum, im Tiefgeschoss selbst, liegen die Gussformen zu Johann Gottlieb Kirchners 1732 geschaffenen Affen aus Meißner Porzellan - also einmal Rokoko-Eleganz und einmal Fin-de-siècle-Trauma, das erste in Stücken, das zweite in voller gewaltsamer Pracht. Das ist der Auftakt zur von Wolfgang Scheppe kuratierten Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen - Zur Ästhetik des Rassismus“.

Max wurde noch vor seinem Tod von Adolphe Philippe Millot porträtiert...
Max wurde noch vor seinem Tod von Adolphe Philippe Millot porträtiert... : Bild: Fotos Katalog

In Dresden nicht länger willkommen

Kirchners Affen waren aber auch Repressionsmittel, denn kein Geringerer als Moses Mendelssohn war als Jude in Preußen verpflichtet, zur Erlangung des Bürgerrechts Porzellan im staatlich kontrollierten Handel zu kaufen. Der niederländische Künstler Gert Jan Kocken hat diese Diskriminierung zum Gegenstand seiner Installation „Judenporzellan“ gemacht, deren Bestandteil die Gussformen sind - als Abschluss von Scheppes Ausstellung.

„Die Vermessung des Unmenschen“ ist die vierte und letzte Schau, die der Berliner Kulturwissenschaftler für die Staatlichen Kunstsammlungen konzipiert hat; mit dem Weggang des früheren Generaldirektors Hartwig Fischer ans Britische Museum ist der in Dresden heftig umstrittene Scheppe mit seinen aus Archivbeständen kunstvoll arrangierten Assoziationsausstellungen nicht länger willkommen - wobei auch Fischer zuletzt seinem Protegé die Unterstützung versagt hatte. So bleibt es also bei vier optisch grandiosen und inhaltlich provokativen Präsentationen: Nach Gefäßen aus aller Welt und allen Zeiten, japanischen Färberschablonen sowie chinesischen Totengaben findet der Zyklus jetzt seinen Höhepunkt in einem weiteren Archivfund: der Foto- und Ausschnittsammlung des Dresdner Ethnologen Bernhard Struck (1888 bis 1971), der seine Afrika-Forschungen in Weimarer Republik, NS-Zeit und DDR bruchlos fortgeführt hat.

...genauso wie Moritz.
...genauso wie Moritz. : Bild: Fotos Katalog

Trennung Tier-Mensch, Trennung Mensch-Mensch

Die Strucksche Sammlung umfasst Dutzende von Sammelordnern, deren Blätter Scheppe in dichtester Nachbarschaft auf neun langen Tischvitrinen im Hauptsaal des Lipsiusbaus ausgestellt und thematisch sortiert hat: nach „Die Spektakularisierung des Tiers“ zum Beispiel oder nach „Der Affe als Argument“. Es ist, als wären die Dresdner und die Leipziger Ausstellung als Komplementärveranstaltungen gedacht, doch sie entstanden unabhängig voneinander.

In Leipzig bringt man uns die Affen ganz nahe, während in Dresden der distanzierte Blick von Struck und seinem wissenschaftlichen Umkreis, darunter der Direktor des Völkerkundemuseums und SS-Rassentheoretiker Michael Hesch, in der Ausstellungsarchitektur bewusst bewahrt wird, um dessen Unmenschlichkeit zu dokumentieren. Struck wagte sich nur einmal, 1930/31, selbst auf Feldforschung nach Afrika. So viel er dort auch sammelte - auch das wird in den Nebenräumen des Lipsiusbaus gezeigt -, wahrte er dabei doch immer die Distanz zu den Objekten seiner Neugier.

Selten bekommt man so gedankenvolle und auch so klug durch Publikationen begleitete Ausstellungen geboten. In Dresden muss man für den Katalog gar nichts bezahlen; er besteht aus einer Zeitung, in der sich profunde Aufsätze zu den Gegenständen der Schau finden - zu Mensch und Tier. Deren Trennung hat immer auch die Trennung von Mensch und Mensch begünstigt. Das belegt Wolfgang Scheppe eindrucksvoll. Beide Ausstellungen lohnen jeden Umweg. Gut, dass Leipzig und Dresden relativ nahe beieinander liegen.

Die Vermessung des Unmenschen - Zur Ästhetik des Rassismus. Im Lipsiusbau, Dresden; bis zum 7. August. Die höchst material- und bilderreiche Katalogzeitung ist gratis erhältlich.

Unheimliche Nähe - Menschenaffen als europäische Sensation. In der Universitätsbibliothek Albertina, Leipzig; bis zum 25. September. Der opulente Katalog, erschienen beim Passage- Verlag, kostet in der Bibliothek 15, sonst 25 Euro.

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